Dokumentation https://bayern.rosalux.de/ Hier finden Sie unsere Dokumentationen. de Copyright Fri, 19 Apr 2019 14:28:47 +0200 Fri, 19 Apr 2019 14:28:47 +0200 TYPO3 Dokumentation https://bayern.rosalux.de/fileadmin/sys/resources/images/dist/logos/logo_rss.jpg https://bayern.rosalux.de/ 144 109 Hier finden Sie unsere Dokumentationen. news-40260 Wed, 03 Apr 2019 15:51:13 +0200 70 Jahre: Kein Frieden mit der NATO https://bayern.rosalux.de/dokumentation/id/40260/ Linke Alternativen zu Militarisierung und Krieg 70 Jahre NATO – ist dieses Jubiläum des transatlantischen Militärbündnisses, das im April 2019 offiziell gefeiert werden wird, tatsächlich ein Grund zum Feiern? Für den Mainstream in der deutschen Außenpolitikelite wird diese Frage zweifellos mit «Ja» beantwortet werden. Zwar hat die NATO mit dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes und dem Ende des Kalten Krieges ihre Geschäftsgrundlage verloren. Sie hat sich 1991 jedoch nicht aufgelöst. Im Gegenteil, entgegen gegebener Versprechen im Zwei-plus-Vier-Vertrag hat sie sich über Mitteleuropa bis an die Grenzen Russlands ausgedehnt und sich als globale Interventionsarmee unter Führung der USA neu definiert. Der außenpolitische Mainstream in Deutschland sieht dabei die NATO und das enge Bündnis mit den USA als Garantie für deutsche Interessen an Wohlstand, Frieden und Sicherheit unerlässlich. Mit der NATO sind jedoch für Deutschland nicht nur Kriegsbeteiligungen verbunden. Für den außenpolitischen Mainstream in Deutschland war etwa die Absage an die Bombardierung Libyens sogar ein «neuer deutscher Sonderweg», der zu unterlassen sei.

Zugleich erheben die USA Forderungen an Deutschland und die anderen NATO-Staaten, massiv aufzurüsten und die EU selbst nutzt Differenzen mit den USA unter Trump, um eigene Aufrüstungsprojekte und den Aufbau einer EU-Armee systematisch nach vorne zu bringen. Sie ist damit federführend an dem neuen Rüstungswettlauf auf der Welt beteiligt. Diese Aufrüstung und die Manöverorientierung der NATO, die Zuspitzung der Konfrontation mit Russland fördern jedoch nicht nur die Gefahr von realen kriegerischen Auseinandersetzungen in Europa und – über die zwangsläufig damit verbundenen – Rüstungsexporte in der ganzen Welt. Sie steht auch im Kontrast zur Sparpolitik der «Schuldenbremse», die Deutschland sich selbst verordnet und in der EU durchgesetzt hat und die wichtige Investitionen in die Infrastruktur – in Bildung, Gesundheit, Verkehr und die Armutsbekämpfung – oder ökologisch zwingend notwendige grüne Technologien und Energieträger verhindert. Zunehmend spitzt sich die Aufrüstung damit doppelt zu: Als eine Frage der Erhaltung des Friedens und der sozialen Gerechtigkeit.

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news-40247 Mon, 01 Apr 2019 15:57:49 +0200 Recht auf Stadt queer aneignen https://bayern.rosalux.de/dokumentation/id/40247/ Wie können wir uns gegen Gentrifizierung, Verdrängung und Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt organisieren? Mit: Jutta Brambach (RuT e.V.); GLADT e.V., TRIQ
Moderation: Lia Becker

Auf dem Berliner Wohnungsmarkt ist es eng. Immobilienfonds und private Eigentümer profitieren. Steigende Mieten und Verdrängung machen vielen das Leben schwerer. Für manche LGBTIQs war es nie leicht: wegen Rassismus und zahlreicher anderer Diskriminierungen auf dem Wohnungsmarkt, geringer Einkommen oder weil Wohnungen nicht barrierefrei sind. Andere waren Teil von Gentrifizierungsprozessen, sind nun zunehmend selbst von Verdrängung bedroht. Konkurrenz um Wohnraum findet aber auch innerhalb von LGBTTIQ-communities statt. Derzeit fehlen Räume für kollektives, solidarisches Wohnen – gerade im Alter, für ältere Lesben und trans*-Menschen, für QPOCs und (geflüchtete) Neuberliner_innen. Was brauchen wir vom und zum Wohnen – ob jung oder alt, cis oder trans?

Längst organisiert sich in Berlin breit getragener Widerstand  gegen steigende Mieten und Verdrängung. Was könnte es bedeuten, miteinander für das Recht auf Stadt aus queerer und solidarischer Perspektive zu kämpfen?

Zur Veranstaltungsübersicht der Reihe «Beziehungsweise Klasse. Queere Perspektiven auf prekäres Leben und Solidarität»

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news-40296 Mon, 01 Apr 2019 11:53:00 +0200 Venezuela: Aufstieg und Fall der Bolivarischen Revolution https://bayern.rosalux.de/dokumentation/id/40296/ Luxemburg Lecture von Friedensforscher Stefan Peters Am Beginn des 21. Jahrhunderts ruhten die Hoffnungen auf Veränderungen wieder einmal auf Lateinamerika. Mit dem Rückenwind kräftig steigender Rohstoffpreise gelangen der Bolivarischen Revolution von Hugo Chávez nicht nur vielbeachtete soziale Entwicklungserfolge, sondern auch die Wirtschaft erreichte hohe Wachstumsraten. Der karibische Sozialismus schien sich positiv von den gescheiterten Modellen des «real existierenden Sozialismus» abzuheben.

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news-40113 Thu, 14 Mar 2019 13:31:14 +0100 The Mayor's Race https://bayern.rosalux.de/dokumentation/id/40113/ Deutschlandpremiere des Dokumentarfilms von Loraine Blumenthal Nachdem der Film 2018 ausschließlich auf internationalen Festivals und in Bristol zu sehen war, durften sich die Filmemacher*innen und Organisator*innen über einen vollen Kinosaal im Moviemento am Donnerstag, den 21.02.2019, freuen.

Die Geschichte von Marvin Rees, der in Armut aufwuchs, um Jahre später der erste schwarze Bürgermeister einer europäischen Stadt zu werden, fand reges Interesse.

Der Dokumentarfilm von Loraine Blumenthal zeigt nicht nur Marvin's steinigen Weg ins Amt,  sondern beleuchtet auch die tiefen Spaltungen zwischen weißen und dunkelhäutigen Menschen in Bristol – Themen, die im Anschluss lebendige Diskussionen anstießen.

Neben der Regisseurin und Produzentin Loraine Blumenthal, sowie dem Koproduzent Rob Mitchell, saßen außerdem Hibaq Jama, erste muslimische Stadträtin von Bristol und Protagonistin im Film, sowie die Migrationsexpertin Dr. Deniz Nergiz, die sich in ihrem Buch «I long for normality» mit den Realitäten von Migrant*innen in der deutschen Politik auseinandersetzt, auf dem Podium

Moderiert wurde die Diskussion auf dem Podium und mit dem Publikum von Emmanuelle Chaze, Korrespondentin für Euronews und RFI English.

Auf Fragen zur Entstehungsgeschichte des Filmes erinnern sich Loraine Blumenthal und Rob Mitchell an ihr erstes Treffen während der Buchveröffentlichung von Paul Stephensons Memoiren.

Stephenson führte in den 1960er Jahren die Bürgerrechtsbewegung in Bristol an. Er initiierte den Bristol Bus Boycott, inspiriert von Martin Luther King, als Reaktion auf die öffentlich rassistische Haltung der lokalen Busgesellschaft. Man lehnte es schlichtweg ab, Menschen mit dunkler Hautfarbe einzustellen – eine völlig legitime Haltung zu der Zeit.

Für Loraine Blumenthal war dies allein Stoff für einen Dokumentarfilm, doch beide waren sich schnell bewusst, dass Marvins Bürgermeisterkandidatur, die Vergangenheit in die Gegenwart holen würde.  Vor 50 Jahren durften dunkelhäutige Menschen in Bristol nicht Busfahrer werden, kann 50 Jahre später ein Sohn eines Jamaikaners Bürgermeister werden?

Marvin verliert bei seinem ersten Antritt 2012. Ein Moment, der nicht nur für ihn sondern für viele seiner Mitstreiter schwer zu fassen war, denn Bristol wird großflächig von der Labour Partei repräsentiert. Wie es zu diesem Verlust kommen konnte wollte einer der Zuschauerinnen wissen.

Eine komplexe Frage, die direkt in die politischen Vorgänge vor Ort zielt. Zum einen lag dies an der äußerst geringen Wahlbeteiligung, weiß Loraine Blumenthal. 2012 wurde die Direktwahl des Bürgermeisters neu eingeführt und wurde von nur wenigen als wirklich wichtig empfunden. Hibaq Jama, die den Wahlkampf mit geführt hat, gesteht ein, dass man sich viel zu leichtfertig auf die Unterstützung der Partei verlassen hatte. Dass der Rückhalt innerhalb der Partei so nicht gegeben war, wurde spätestens bei der Auszählung klar. Nicht zuletzt spielte die Haltung vieler Bristolianer eine entscheidende Rolle, Parteipolitik gänzlich abzulehnen. Der parteilose Millionär George Ferguson hatte damit die klare Führung übernommen.

Ist THE MAYOR'S RACE ein Bristol-spezifischer Film oder hätte er auch in Deutschland gedreht werden können, wollte ein weiterer Zuschauer wissen. Der Anspruch von Regisseurin Loraine Blumenthal war es durchweg einen Film zu machen, in dem es um Menschen geht, die sozial-politische Veränderung nicht nur fordern, sondern sie selbst umsetzen. Dabei muss Marvin persönliche Risiken eingehen und sieht sich immer wieder mit Selbstzweifeln konfrontiert. Bin ich gut genug dafür? Werde ich überhaupt akzeptiert? Was mache ich nachdem ich den großen Schritt gewagt und verloren habe? Vor allem aber – wie sehen mich die Menschen als Mann mit dunkler Hautfarbe und macht sich dies im Wahlkampf bemerkbar? Identitätsfragen und persönliche Selbstzweifel, die unabhängig vom Land auftauchen. Der Grund auch warum Marvins Geschichte so gut nachzuvollziehen ist und bereits u.a. in Italien, den Niederlanden, Deutschland, den USA und sogar Uruguay ein Publikum gefunden hat. Auch Dr. Nergiz sah viele Parallelen zu ihren Forschungen. «Es ist das Buch zu meinem Film», so äußert sie sich und macht auf den verschwindend geringen Prozentsatz an Menschen mit Migrationshintergrund in der Politik aufmerksam.

Der Filmabend und die regen Diskussionen fanden erst zur späteren Stunde im Moviemento ein Ende. Die Unterhaltungen nach der Vorführung wurden jedoch noch lange fortgeführt.

Wir bedanken uns bei allen Gästen für diese fantastische Vorstellung!

Der Film:

Marvin ist 40, Schwarz und wuchs in Bristols Ghettos in Großbritannien auf, in denen Prostitution, Gewalt und Armut an der Tagesordnung standen. Seit je her hat Marvin den Traum gegen die erlebten Ungerechtigkeiten anzugehen und beschließt als Kandidat für die bevorstehende Bürgermeisterwahl anzutreten.

Als absoluter Anfänger begibt er sich in die Welt der Politik. Doch trotz seiner charismatischen Ausstrahlung und seines intellektuellen Auftretens, bezweifelt er, dass irgendjemand den Schwarzen Typen aus dem Ghetto ernst nehmen wird. In einem knappen Rennen muss er seine Niederlage vor laufenden Kameras hinnehmen. Doch Marvin weiß, dass verlieren nicht nur für ihn persönlich schmerzhaft ist sondern eine viel größere Bedeutung hat. Denn die Stadt trägt Spuren einer dunklen Vergangenheit, die Menschen wie er bis heute spüren:

Bristol war ein bedeutender Umschlagplatz während des transatlantischen Menschenhandels. In den 1960er Jahren, inspiriert von Martin Luther King, war Bristol Schauplatz einer starken Bürgerrechtsbewegung. Als die Verhältnisse sich für Schwarze Menschen in den 1980ern nicht verbesserten, kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen, welche landesweite Proteste auslösten. Heute ist es der zunehmende anti-muslimische Rassismus, der die Stadt erschüttert.

Trotz seiner Zweifel beschließt Marvin noch einmal anzutreten. Professioneller, stärker und mit der Unterstützung der Muslimischen Gemeinde. Wird er es schaffen der erste Schwarze Bürgermeister Bristols zu werden?

Der Film wurde mit Unterstützung des Büros Brüssel der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert.

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news-40141 Thu, 28 Feb 2019 11:58:00 +0100 RLS-Cities: Rebellisch.Links.Solidarisch. https://bayern.rosalux.de/dokumentation/id/40141/ Berlin-Konferenz zu Wohnen, Bauen, Stadt «Wem gehört die Stadt? Euch gehört die Stadt! Das Menschenrecht auf Wohnen! Zusammen gegen Mietenwahnsinn! Eine Stadt für Alle» - für einen Großteil der Bevölkerung in Deutschland ist die Wohnungsfrage zu einer der wichtigsten sozialen Fragen überhaupt, wenn nicht zu DER sozialen Frage geworden. Auch die Bundesregierung hat das erkannt und legt Sonderprogramme auf, brüstet sich mit Investitionen und Anreizen für den Wohnungsneubau und veranstaltet sogenannte Wohngipfel. Die Maßnahmen der Großen Koalition von CDU/CSU und SPD gehen aber an den wirklich wichtigen Fragen und den grundsätzlichen Fragen in Bezug auf die Wohnungsversorgung, die Mietsituation, die Realisierung des Rechts auf Stadt für Alle, für eine nachhaltige Stadtentwicklung vorbei.

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news-40115 Tue, 26 Feb 2019 18:12:00 +0100 Keine Abkürzungen! https://bayern.rosalux.de/dokumentation/id/40115/ Machtaufbau durch Organizing — Luxemburg Lecture von Jane McAlevey, USA Seit einigen Jahren belebt die Auseinandersetzung mit den Organizing-Methoden der US-amerikanischen Gewerkschaften die gewerkschaftliche Diskussion und Praxis in Deutschland. Doch auch in der Partei DIE LINKE und in linken Bewegungen wird über Organizing diskutiert: Wie können wir mit Menschen ins Gespräch kommen, an Alltagserfahrungen anknüpfen, gemeinsam Erfolge organisieren? Mit diesem Vortrag der amerikanischen Organizerin Jane McAlevey soll die deutsche Debatte um bisher unterbelichtete Erfahrungen bereichert werden.

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news-40122 Mon, 18 Feb 2019 13:46:00 +0100 Demokratie unter Beschuss: Hassreden, Repression und Desinformation unter Bolsonaro https://bayern.rosalux.de/dokumentation/id/40122/ Ein Gespräch mit dem Politiker Jean Wyllys und der Aktivistin Elizabet Cerqueira Nur wenige Wochen nach Amtsantritt des Rechtsaußenpräsidenten Jair Bolsonaro gibt der PSOL-Abgeordnete Jean Wyllys Ende Januar bekannt, aufgrund anhaltender massiver Todesdrohungen sein Parlamentsmandat nicht anzutreten und nicht von seiner Europareise nach Brasilien zurückzukehren. Bolsonaro twittert darauf fröhlich «ein großartiger Tag!».

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news-40057 Mon, 18 Feb 2019 10:47:00 +0100 Kein Land in Sicht für die Seenotrettung? https://bayern.rosalux.de/dokumentation/id/40057/ Über die Kriminalisierung der Helfenden Das Mittelmeer ist seit der Einstellung des europäischen Seenotrettungsprogramms «mare nostrum» noch viel gefährlicher geworden. Tausende Menschen ertrinken jedes Jahr bei dem Versuch nach Europa zu kommen. Viele Menschen haben sich entschlossen privat und unter persönlichem Einsatz in die Bresche zu springen und selbst Seenotrettung zu leisten, eine breite Solidarisierung durch die Seebrücken-Bewegung, aber auch eine massive Kriminalisierung durch einige Staaten der EU ist die Konsequenz dieses Einsatzes.

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news-40012 Sun, 17 Feb 2019 14:36:00 +0100 Aus unseren Kämpfen lernen https://bayern.rosalux.de/dokumentation/id/40012/ Streiks auswerten, Strategien entwickeln, politischer werden. 4. Konferenz gewerkschaftliche Erneuerung Mehr als 800 Menschen versammelten sich am Wochenende vom 15.-17. Februar 2019 anlässlich der 4. Konferenz gewerkschaftliche Erneuerung in Braunschweig. KollegInnen aus allen Gewerkschaften und Generationen, WissenschaftlerInnen, Studierende und Organizing-Teams einte der Wunsch, sich über Erfahrungen aus den vergangenen Kämpfen auszutauschen und gemeinsam demokratische, konfliktorientierte und politisierende Strategien zu entwickeln.

Eigentlich habe ich die Streikkonferenzen ja immer als Klassentreffen für KlassenkämpferInnen bezeichnet. Aber dafür sind wir mittlerweile vielleicht ein bisschen zu viele?

Florian Wilde, RLS

Drei markante Unterschiede bemerkte Oliver Nachtwey (Uni Basel) im Vergleich zu den vergangenen Konferenzen: Das Publikum habe sich verjüngt, von Gewerkschaften als Interessenvertretung von tendenziell älteren und männlichen Kollegen war in Braunschweig keine Spur. Viele Debatten könnten zudem endlich wieder an exemplarische Siege anknüpfen. Schließlich sei es die mit Abstand größte «Streikkonferenz», wodurch eine Videoübertragung der Podien in einen zweiten und dritten Raum nötig wurde. Beim «Public Viewing» in der Turnhalle nahmen es die GewerkschafterInnen jedoch mit großer Gelassenheit.

Es waren die kleinen und großen Erfolgsgeschichten der Gewerkschaftsaktiven, die im Fokus der Konferenz standen. Die Beschäftigten von Teigwaren Riesa leiteten die Konferenz mit einem Bericht von ihrem derzeitigen Kampf für einen Tarifvertrag ein: «Wenn wir streiken, dann stehen alle Bänder still und dann geht nichts mehr im Unternehmen.» Tosender Applaus schallte ihnen für dieses kämpferische Selbstverständnis entgegen. Voller Motivation erzählten auch Aktive aus der Pflegebewegung in einer der zahlreichen Arbeitsgruppen von ihrem Kampf für mehr Personal im Krankenhaus. Interessierte standen bis in den Flur, um die Debatte zu verfolgen. Lange sei er davon ausgegangen, so Nachtwey, dass die Berufsethik der PflegerInnen zur Akzeptanz der katastrophalen Bedingungen führe (Folien seines Vortrags). Die aktuelle Gegenwehr vieler Pflegekräfte sei jedoch der lebendige Beweis dafür, dass mit der richtigen politischen Strategie eben diese Berufsethik Keimzelle des Aufbegehrens sein könne. Auch die Berichte der Ryanair- oder der Deliveroo-Beschäftigten machten Mut: Gerade in den Sektoren, in denen gewerkschaftliche Organisierung kaum möglich erschien, regt sich Widerstand. 

Ich war überrascht von dem unglaublichen Interesse am Thema Pflege. Mit 102 Leuten haben wir im Workshop zu den Kämpfen in den Krankenhäusern diskutiert.

Dana Lützkendorf, ver.di Betriebsgruppe Charité Berlin, Vorsitzende Landesbezirksfachbereichvorstand ver.di Berlin-Brandenburg

Impulse für die Strategien der Zukunft kamen von prominent besetzen Podien und Plenumsvorträgen von Christine Behle (ver.di), Hans-Jürgen Urban (IG Metall) und Marlis Tepe (GEW) als VertreterInnen der Gewerkschaftsvorstände und dem Parteivorsitzenden der LINKEN Bernd Riexinger, sowie von Wissenschaftlern wie Oliver Nachtwey (Uni Basel) und Klaus Dörre (Uni Jena). Letzterer betonte in seiner Rede, dass der Aufstieg der Rechten keinesfalls totgeschwiegen werden dürfe, da das Problem ansonsten unumgänglich größer werde (Folien seines Vortrags). Ihm zufolge müssen GewerkschafterInnen sich sachlich mit der Politik der AfD auseinandersetzen und immer wieder aufzeigen, dass völkische Solidarität ein Sprengsatz für gewerkschaftliche Solidarität ist. Zudem müssten auch Linke die Systemfrage beantworten und somit darüber diskutieren, wie der Kapitalismus aus den Angeln gehoben werden kann.

Intensive Debatten wurden auf der Konferenz vor allem außerhalb des Plenums geführt. In über 30 Arbeitsgruppen diskutierte man sowohl branchenspezifisch als auch gewerkschaftsübergreifend: Welche Strategien gibt es gegen Massenentlassungen? Wie gelingt internationale Gewerkschaftsarbeit? Und wie gehen wir um mit dem Vormarsch  der AfD? Frei nach dem Motto «Aus unseren Kämpfen lernen» berichteten über 100 gewerkschaftlich aktive Referentinnen und Referenten von ihren Erfahrungen um daraufhin den Raum für die Debatte zu öffnen.

Der Zweck eines Streiks ist es, wieder Klassenbewusstsein aufzubauen; zu verdeutlichen, dass es eigentlich nur zwei Seiten gibt. Es gibt uns und sie. Es wird die Politik verändern, wenn wir es viel mehr tun.

Jane McAlevey, Organizerin aus den USA

Die US-amerikanische Organizerin Jane McAlevey lieferte sehr konkrete Antworten auf die Frage, wie Gewerkschaften wieder mehr in die Offensive gelangen können. Sie präsentierte ihr Konzept «Deep Organizing» als strategischen Gegenentwurf zum Mobilizing und Stellvertreterpolitik der SIEU. Im Zentrum der gewerkschaftlichen Arbeit müssen ihr zufolge immer die Beschäftigten selbst stehen. Das bedeutet, dass sie an den Tarifverhandlungen teilnehmen und an der Strategieentwicklung mitwirken.

Das Interesse an den Methoden, mit denen McAlevey in den USA immense Erfolge erzielen konnte, war groß: GewerkschaftssekretärInnen diskutierten über ihre Erfahrungen mit Organizing-Ansätzen, in Praxisseminaren wurden die Methoden unter die Lupe genommen. Die 400 Exemplare ihres gerade auf Deutsch erschienen Buches «Keine halben Sachen», eine Art Anleitung für die gewerkschaftlichen Erneuerung, waren bereits Samstagmittag vergriffen.

Was ich mir wünsche, ist, dass wir alle Parteien treiben, nicht reagieren sondern treiben.

Mehrdad Payandeh, Vorsitzender DGB Niedersachsen

In den drei Konferenztagen wurde eines immer wieder betont: Die kommenden Kämpfe müssen von der Gewerkschaftsbewegung zusammen geplant und zusammen geführt werden. Dafür brauche es noch mehr weit Begegnungsorte wie die Streikkonferenzen, forderte Jan Andrä (VK-Leiter VW Zwickau). Denn an Wochenenden wie diesen könne man als Gewerkschafter aus Zwickau erstaunt feststellen, dass es Busfahrer im Saarland gibt, die «so weit im Westen sind, dass ihr Lohn schon wieder Ost-Niveau erreicht».

Die Konferenz in Braunschweig hat unterschiedlichste GewerkschafterInnen zusammen rücken lassen. Das bedeutet Rückenwind für eine Gewerkschaftsbewegung, die sich nicht auf Lohnforderungen beschränken will. Sei es indem sie sich klar gegen die Polizeigesetze positioniert oder von den spanischen KollegInnen lernt und kreative Strategien entwickelt, um einen erfolgreichen Frauenstreik am 8. März auf die Beine zu stellen.

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news-40070 Wed, 13 Feb 2019 18:56:00 +0100 Die Stürme des Finanzwesens https://bayern.rosalux.de/dokumentation/id/40070/ Teil 2 der Reihe «Ökonomie jenseits der schwäbischen Hausfrau» Gemeinhin wird angenommen, dass die Finanzkrise 2007/08 durch das riskante Verhalten der Banken verursacht wurde. Tatsächlich ist es jedoch gerade das Vermeiden von Risiken, das zu den Turbulenzen und Stürmen des Finanzwesens führt und unsere Wirtschaft zum Absturz bringt. Frances Coppola zeigt, dass nicht nur die große Finanzkrise selbst, sondern auch die Krise in der Eurozone Finanzstürme waren, die durch grenzüberschreitende Finanzströme verursacht wurden, und dass diese Stürme durch die Suche nach Hochzinsanleihen ohne Risiko angefacht wurden. Sie diskutiert zudem die Rolle von Versicherungen bei der Entstehung dieser Stürme, die oft ignoriert wird.

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