Dokumentation http://www.by.rosalux.de/ Hier finden Sie unsere Dokumentationen. de Copyright Sun, 23 Apr 2017 08:39:05 +0200 Sun, 23 Apr 2017 08:39:05 +0200 TYPO3 Dokumentation http://www.by.rosalux.de/fileadmin/sys/resources/images/dist/logos/logo_rss.jpg http://www.by.rosalux.de/ 144 109 Hier finden Sie unsere Dokumentationen. news-14693 Wed, 05 Apr 2017 09:35:22 +0200 Ein Epochenbruch - aber was für einer http://www.by.rosalux.de/dokumentation/id/14693/ Am Vorabend der Tagung «Die russische Linke zwischen März und November 1917» diskutierten HistorikerInnen im Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung über die ungebrochene Faszination der Revolution im einstigen Zarenreich. Hundert Jahre ist sie her, die Zeit der beiden russischen Revolutionen des Jahres 1917. Zu keiner Zeit aber, scheint es, kann man mehr erfahren über diese, die Welt bis heute bewegenden Monate als in der Gegenwart. Diesen Eindruck hinterließ die Podiumsdebatte am 17. März 2017.

Aus Petersburg angereist schilderte Dr. Tatjana Filimonova, seit 1987 Leiterin des Plechanow-Archivs, den für sich genommen schon historisch einmaligen Vorgang, wie der Nachlass des 1918 verstorbenen Marxisten Georgi Plechanow am Ende doch in die Obhut eines staatlichen Archivs kam. Dazu hatte zwar noch Lenin selbst die Initiative ergriffen, es dauerte dann mit vielen Wirrungen aber zehn Jahre, bis der Nachlass eine Abteilung der russischen Nationalbibliothek wurde.

Das 100jährige Jubiläum begeht das Archiv, so Filimonova weiter, mit fünf Konferenzen, die erste fand bereits 2013 statt, die letzte ist für 2018 geplant. Als übergreifendes Motto der fünf Treffen nannte sie die 11. Feuerbachthese von Karl Marx, nach der die Philosophen die Welt bekanntlich bisher nur verschieden interpretiert haben, es aber darauf ankomme, diese zu verändern.

In dem Sinne wolle man, betonte die Historikerin, auf der diesjährigen Konferenz darüber nachdenken, ob die Ereignisse vor hundert Jahren nicht auch einen alternativen geschichtlichen Weg hätten eröffnen können. Die Tagungsbände der Konferenzen seien übrigens «sehr gefragt» und inzwischen sei keiner mehr übrig.

Wie die russische Revolution praktisch noch in den Wirren der Novemberzeit 1917 anfing, Dokumente für die Nachwelt zu sichern und aufzuheben, schilderte Dr. Larissa Malaschenko vom Staatsarchiv der Russischen Föderation. Damals hätten sowohl die Provisorische Regierung als auch die Bolschewiki ein Interesse daran gehabt, ihre Dokumente aufzuheben, um den Gang der Geschichte nachzeichnen zu können, vor allem mit dem Zweck, später ihr Handeln rechtfertigen zu können.

Schon 1920 seien dazu die Bestände aus der Oktoberrevolution in eine Abteilung des Staatsarchivs der damaligen russischen Föderation zusammengefasst worden, sagte Malaschenko. Heute bieten die Bestände offenbar allein schon den Zahlen nach einen Kosmos für Historiker. In über 3100 Beständen sind nach Malaschenkos Angaben mehr als 7 Millionen einzelne Publikationen vorhanden, unterteilt in fünf geschichtliche Hauptabschnitte - vom Ende des 19. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts; dann die Geschichte der UdSSR von 1917 bis 1991; die Geschichte der RSFSR von 1917 bis 1992; dann die Dokumentensammlung zur Geschichte der Emigration sowie ab 1992 Dokumente der heutigen Staatsorgane. Das «jüngste» Dokument stammt aus dem Jahr 1997.

Die historische Bedeutung der weit zurückreichenden Bestände ist für Malaschenko kaum zu überbieten. Der Oktober 1917 habe, betonte sie, das Land und die Gesellschaft «sehr stark» gespalten und das bis in die einzelnen Familien hinein. Viele Russen mussten ihre Heimat verlassen. Aus den im Ausland zurückgelassenen Dokumenten und Archiven speist sich übrigens bis heute ein steter Strom neuen Materials, konnte die Archivarin berichten. Kürzlich habe man ein Archiv eines russischen Exilianten aus Prag aufgenommen. Neu dazugekommen seien auch Tagebücher eines Generals, der unter der Provisorischen Regierung gedient hatte. Dessen Aufzeichnungen würden Aufschluss darüber geben, wie die russische Intelligenz von der Abdankung des Zaren bis zur Oktoberrevolution gedacht hat.

Dr. Konstantin Morosow von der Menschrechtsorganisation Memorial, schilderte auf dem Podium, wie schwierig es für Historiker ist, die Breite der revolutionären Bewegung außerhalb der bolschewistischen Partei nachzuzeichnen. Widerstand gegen den Bolschewismus habe es von Anfang an gegeben. Um diesen zu erforschen, habe man in den 90er Jahren anfangen müssen, letzten Zeugnissen wie den Briefen politischer Gefangener nachzuspüren.

Das waren Menschen mit ganz verschiedenen Ansicht gewesen, darunter solche, die sich selbst als Bolschewisten sahen, aber auch Sozialrevolutionäre, Sozialisten nationaler Prägung, Anarchisten - all diese Menschen waren der Repression ausgesetzt, sagte Morosow. Und diese Unterdrückung habe, was oft nicht so bekannt sei, schon in den Jahren des Bürgerkriegs eingesetzt. Diejenigen, die es geschafft hatten, bis 1937 zu überleben, seien dann hingerichtet worden. Ziel sei es gewesen, deren Namen am Ende ganz aus dem kollektiven Gedächtnis zu löschen.«Wir haben viele Jahre gebraucht, um drei Zeilen pro Person finden zu können, die man im Internet veröffentlichen konnte», berichtete Morosow über die Schwierigkeiten der Gedenkarbeit.

Diese Gedächtnis, betonte er weiter, sei man den Sozialisten und Sozialistinnen schuldig. Die Tragödie bestehe eben nicht nur darin, dass diese Menschen aufgrund falscher Anschuldigungen erschossen wurden, sondern dass die Lügen über sie bis heute wirkten und geglaubt würden.

Ein Großteil dieser Menschen sei auch Anhänger eines demokratischen Sozialisten gewesen, erklärte der Historiker. Darauf in Russland hinzuweisen, sei sehr wichtig, denn die Begriffe Sozialismus, Demokratie und Parlamentarismus seien «sehr diskreditiert».

Memorial organisiert zum Jubiläum der russischen Revolution «Runde Tische», zu denen man nicht nur Linke einlade, wie Morosow betonte. Es sei aber deutlich einfacher, Menschen mit monarchistischen oder stalinistischen Ansichten zu finden als demokratische Sozialistinnen und Sozialisten.

Um die Idee der Demokratie zu verbreiten, gibt es für Morosow ungenutzte Potentiale in der russischen Geschichte. So sei die durch freie Wahlen geschaffene Konstituierende Versammlung im Januar 1918 eine friedliche und demokratische Alternative gewesen, deren Auflösung zu der Geschichtsvariante führte, die wir heute kennen. Es habe, resümierte der Historiker, in Russland durchaus Möglichkeiten zu einer demokratischen parlamentarischen Entwicklung gegeben.

Prof. Dr. Alexander Vatlin von der Lomonossow-Universität, der - worauf Moderator Wladislaw Hedeler hinwies - zuletzt einen Studienband über die bayerische Räterepublik veröffentlicht hatte, beklagte den abnehmenden Stellenwert der Geschichtswissenschaft. Die moderne Geschichtswissenschaft suche nicht mehr nach der Wahrheit, sondern es gehe vor allem um Kommunikation mit der Gesellschaft. Im Zentrum stehe nicht mehr, was passiert ist, sondern der «Blick in die Zukunft», sagte Vatlin.

Bezüglich des 100jährigen Jubiläums haben seiner Ansicht viele Forschende in Russland darauf gewartet, dass die Regierung etwas mache. Und tatsächlich wurden sie am Ende mit vier, von Präsidenten Wladimir Putin unterzeichneten Zeilen «belohnt», erklärte er mit ironischem Unterton. Diese Zeilen liefen darauf hinaus festzustellen, dass es die Revolution gab, dass sie 1917 stattgefunden hat und dass sie «groß» gewesen ist.

Sein Wunsch sei es, erklärte Vatlin, dass das 100jährige Jubiläum kein historisches, sondern ein öffentliches Ereignis werde. Seiner Meinung nach müsse die Gesellschaft ein Gefühl dafür entwickeln, dass sich mit der Revolution ein Epochenwechsel vollzogen hat.

Auf die Nachfrage, wie die heutige Gesellschaft diesen Epochenbruch bewerte, antwortete Vatlin, es gebe da eine große Bandbreite von Meinungen. «Der einzige gemeinsame Nenner ist die Anerkennung des Umbruchcharakters». Die Revolution habe eine neue Epoche eröffnet - aber welche, das sei offen.

Ein Tenor in der Debatte, erläuterte der Wissenschaftler weiter, behaupte, dass die Revolution die russische Entwicklung zerstört und vom europäischen Weg weggestoßen habe.

Insgesamt begrüßte Vatlin aber die Diskussionen um die damaligen Ereignisse. Das zeige, dass die Revolution den Menschen noch immer etwas bedeute und im Heute angekommen ist.

Jörg Staude

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news-14577 Fri, 27 Jan 2017 00:00:00 +0100 Genug für Alle - sozial.öko.logisch http://www.by.rosalux.de/dokumentation/id/14577/ Stiftung befeuert mit einer Tagung in Essen eine breite gesellschaftliche Debatte um sozialökologische Transformation Allein schon der Auftakt des zweitägigen Kongresses «Genug für alle - Sozial.öko.logisch» Ende Januar in der Essener Zeche Zollverein war ein Statement der besonderen Art: Keine großen Reden und keine Podiums-Runde standen am Anfang, sondern unter dem Titel «Bunt, Aktiv, Global» eine vielseitige Schau aufsehenerregender Aktionen, Initiativen und Projekte der letzten Jahren, die sich gegen die Macht der großen Energiekonzern richtete.

So erinnerte Niema Mossavat von der Fraktion DIE LINKE an die mehr als hundertjährige Geschichte des Tagungsorts, der Zeche Zollverein, dem Weltkulturerbe des Ruhrgebietes. Bis 1986 war in der einst weltgrößten Steinkohlezeche der fossile Brennstoff gefördert worden. Die Kohle, einst Motor des wirtschaftlichen Aufschwunges in Deutschland, gefährdet heute das Weltklima und damit die Zukunft. 

Dann rückten - zumindest auf der Bühne - die Tagebau-Besetzungen von "Ende Gelände" ganz nah an den Protest gegen «Stuttgart 21» heran - Widerstand gegen undemokratische Großtechnologien und -Vorhaben lautete der gemeinsame Nenner.

Michael Efler, ehemals «Berliner Energietisch» und jetzt energiepolitischer Sprecher der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, hatte von einem anderen Kampf zu berichten, dem gegen die Reprivatisierung des hauptstädtischen Stromnetzes. Einst war es im Besitz der Berliner Stadtwerke gewesen und war dann an den Vattenfall-Konzern verscherbelt worden. Die Privatisierungswelle, die es zu der Zeit in ganz Deutschland gab, hatte Berlin nicht verschont und machte vor nahezu kaum einem kommunalen Besitzstand Halt. Ob Wasser, Strom oder Gas, nahezu alles, was zur Daseinsvorsorge gehört, sei verkauft worden, sagte Efler.

Der neue rot-rot-grüne Senats will nun das Berliner Stadtwerk revitalisieren und das Stromnetz in einem «demokratisch-antizipativen» Prozess rekommunalisieren. Geprüft werden auch Sozialtarife.

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news-14364 Thu, 15 Dec 2016 00:00:00 +0100 «Der Ost-Komplex» – Kein Schlussstrich unter die Geschichte http://www.by.rosalux.de/dokumentation/id/14364/ Kontroverse Debatte anlässlich des Vorführung des Films «Der Ost-Komplex» im Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin Um ein schwieriges Kapitel Geschichtsaufarbeitung ging es am Donnerstag im Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin (15.12.2016) bei der Aufführung des Films "Der Ost-Komplex" von Filmemacher Jochen Hick sowie der anschließenden Diskussion.

In dem Film werden auf einmalige Weise die persönlichen Lebens-Wendungen des Zeitzeugen Mario Röllig mit den Wechselfällen deutsch-deutscher Geschichte verwoben, verbunden mit der noch immer nicht gültig beantworteten Frage, wie die Gesellschaft heute mit dem Erbe der DDR umgeht.

Eine umfassende Antwort darauf konnte man auch nach anderthalb Stunden Film und ebenso langer Podiumsdiskussion zwischen der RLS-Vorstandsvorsitzenden Dagmar Enkelmann, dem Filmprotagonisten Mario Röllig sowie dem Regisseur Jochen Hick nicht erwarten - die Notwendigkeit, dass sich auch die Stiftung mit dem "Komplex" DDR weiter zu befassen hat, wurde aber deutlich.

Das Leben von Mario Röllig ist eines zwischen den Systemen. 1967 geboren und aus DDR-tradiertem Elternhaus stammend erlebte er als Jugendlicher, wie er im Salon offenherzig schilderte, von einer Stunde zur anderen sein Coming Out als schwuler Mann. Röllig arbeitete als Kellner in DDR-"Devisen"-Restaurants, wurde beim Fluchtversuch aus Liebe an der jugoslawischen Grenze gefasst, saß drei Monate im Gefängnis der DDR-Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen und durchschritt mehr als eine Lebenskrise bis hin zu einem Suizidversuch. Inzwischen ist er de facto im Haupt"beruf" ein im In- und Ausland gefragter Zeitzeuge.

Obwohl Mario Röllig in nahezu jeder Filmszene zu sehen ist, sei der "Ost-Komplex" kein typischer biopic, also eine intelligent erzählte Biografie, betonte Filmemacher Jochen Hick eingangs der Podiumsdebatte. Der Film zeige eher, wie Menschen auf Rölligs Präsenz und Auftreten reagieren. Deswegen bleibe die Kamera auch immer in dem Raum, in dem sich Röllig aufhalte und das Gezeigte spiegele nur wieder, was in dem Raum und zwischen den Menschen vor sich gehe. Röllig wirke dabei, so Hick, oft wie ein "Katalysator" für die Auseinandersetzung, auch was die Sicht auf die DDR betrifft.

Das Bild dieses Landes bewegt sich für dem Filmemacher Jochen Hick derzeit zwischen den Polen eines "Ostalgiefernsehens" und dem Stasi-DDR-Drama. Beide Extreme hätten, sagte er, auch ihre Berechtigung, führten aber nicht so recht  weiter. Es gebe, sagte Hick weiter, so ein "komisches Schamgefühl", das dazu führe, dass ehemalige DDR-Bürger nicht einmal mehr mit ihren Kindern über diese Zeit redeten. "Woher kommt das? Wer hat das ausgelöst?", fragte Hick

So mehrdeutig und komplex wie sein Filmtitel ist für ihn auch das Ost-Thema. Das betreffe nicht nur die Menschen im ehemaligen Osten, sondern auch die Westdeutschen. Auf die Frage des Moderators Alfred Eichhorn, ob die DDR ein "Unrechtsstaat" gewesen sei, antwortete Hick ausweichend, er wüsste immer noch nicht, wie man die Frage beantworten sollte - und ob es überhaupt eine Frage sei?

Mario Röllig ließ dagegen an seiner Sicht auf die DDR keinen Zweifel. Er werde seine Aufklärungsarbeit so lange fortsetzen - auch wenn das vermutlich noch lange dauern wird -, "bis in jedem Geschichtsbuch steht, dass die DDR eine Diktatur war". Seine Führungen durch die Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, die er monatlich zwei bis drei Mal mache, stellten für ihn eine Art Therapie dar. Jetzt hätten die, sagte er im Salon, die Schlüsselgewalt über das Gefängnis, die früher selbst darin gesessen haben. "Das ist eine wahnsinnige Genugtuung."

Seine Mission verfolgt Röllig mit ganz eigener Konsequenz, nicht nur, weil er, was der Film zeigt, nahezu unermüdlich deutschlandweit als Zeitzeuge vor Schulklassen aufritt. Dabei lässt er sich von der unionsnahen Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützen, beteiligte sich aber auch an dem von der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) realisierten Multimedia-Projekt "19 Gute Gründe für die Demokratie".

Bei einem anderen, aktuell laufenden Projekt mit der FES, bei dem Rölling sich engagiert, geht es um das Thema "Fakten statt Vorurteile zu Flüchtlingen". Zu oft ist ihm, der aus der DDR vom Westen freigekauft wurde, von Schülern entgegen gehalten worden, dass seine Flucht nicht dasselbe sei, wie wenn heute Menschen aus dem Nahen Osten oder aus Afrika nach Europa kämen - denn er sei doch als Deutscher geflohen.

Vor Neonazis aufzutreten und gegenzuhalten, stellt für Röllig dabei kein Problem dar. Schlimmer als offene Neonazis findet er die schweigende Mehrheit unter den Schülern, die "keinen Bock" auf Projekte habe, die sich mit Fremdenfeindlichkeit und Rassismus auseinandersetzen.

Die RLS-Vorsitzende Dagmar Enkelmann trat in der Debatte dem Eindruck entgegen, die Beschäftigung mit dem schwierigen Ost-Komplex eine Ausnahme in der Stiftungsarbeit sei. "Sich mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen und mit unterschiedlichen Positionen in einen Austausch zu treten, ist selbstverständlich", sagte sie.

Beim Kapitel Staatssicherheit gebe es aber, räumte Enkelmann ein, nach wie  vor "Blockaden". Zwar habe sich die Partei, die aus der SED hervorgegangen war, von Beginn an die Aufgabe gestellt, die Vergangenheit aufzuarbeiten und auch eigene Schuld wahrzunehmen –   das sei "auch an vielen Stellen passiert, aber nicht konsequent genug", betonte die Stiftungsvorsitzende. Sie hält den Beschluss, dass, wer ein öffentliches Amt für die LINKE übernehmen will, seine Biografie offen legen muss, nach wie vor für richtig.

Enkelmann sprach sich auch dagegen aus, einen Schlussstrich bei der Aufarbeitung schmerzhafter Geschichtskapitel zu ziehen. "Man müsse sich schon fragen, warum Menschen, die anders gelebt, anders geliebt oder nur anders gedacht haben, in der DDR im Gefängnis landen konnten", sagte sie.

Auf die Frage des Moderators, ob die Linke, aus dem, was in DDR war, Lehren für heutige Probleme ziehen könne, antwortete Enkelmann, das gehe eben nur, wenn man sich kritisch mit der Geschichte der DDR auseinandersetze und sich - wie es auch der Film tue - frage: Was ist das für ein Sozialismus gewesen? "Dort wo keine Demokratie ist, wo keine wirkliche Teilhabe ist, das kann kein Sozialismus sein", sagte sie.

Anknüpfend an den Filmtitel plädierte auch Dagmar Enkelmann für ein komplexeres Hergehen an die Aufarbeitung der Geschichte. In der DDR habe es Fehler im System gegeben, allerdings sei die DDR auch mehr als das gewesen. Das meinten viele Menschen, wenn sie davon sprächen, dass sie durch die Diskussionen in ihrer Biografie beschädigt werden. "Weil sie ein normales Leben hatten, müssen sich dafür entschuldigen, dass sie in der DDR gelebt haben", merkte Enkelmann an.

Das aufgreifend sagte Jochen Hick, er bekomme oft zu hören, dass der Sozialismus "Mehr" und etwas "Anderes" gewesen ist - zugleich werde aber auch gesagt, man wolle nicht immer nur über die DDR reden. Es laufe, kritisierte Hick, auf widersprüchliche Positionen hinaus: Zum einen sei die DDR so schlimm nicht gewesen, zum anderen sei wirklicher Sozialismus doch etwas ganz Anderes.

Wie schwierig es ist zu verstehen, wie es in der DDR war, zeigte sich, als Dagmar Enkelmann von Umfrage-Ergebnissen unter Jugendlichen in den 1980erJahren berichtete, nach denen die Jugend sich vom Staat abwandte und ihr Reisefreiheit immer wichtiger wurde. Dass die Regierenden in der DDR die Ergebnisse solcher Studien nicht nur nicht wahrhaben wollten und Panzerschränken verschwinden ließen, sondern offiziell glatt das Gegenteil behaupteten - ein solches Maß an Borniertheit in der DDR-Führung ist für Jochen Hick kaum glaubhaft: "Das hätte man doch wissen können, um es zu verändern." Enkelmann erwiderte: "Das wollten die nicht wissen, denn es hätte ihre eigene Politik infrage gestellt." 

Aus dem Publikum heraus unterstützte Klaus Lederer die Notwendigkeit konsequenter Geschichtsaufarbeitung. Wenn man heute als Linker fordert, in Alternativen zu denken und sagt, es könne in diesem Land so nicht weitergehen, könne man das nur dann verantwortlich tun, wenn man eine ganz klare Position zum Unterdrückungsmechanismus, zum Überwachungsstaat und Bespitzelungsapparat habe, den es in der DDR gegeben hat, forderte Lederer. "Wer das nicht kann und nicht bereit ist, das jedes Mal zu wiederholen, braucht mit dem Anspruch auf Alternativen in der Gesellschaft nicht antreten", sagte er.

Lederer bedauerte auch, dass es seit 1990 keinen Raum eine differenzierten Geschichtsbetrachtung gibt, sondern nur Anklage auf der einen und Verteidigung auf der anderen Seite. Das habe dazu geführt, dass viele nicht mehr darüber reden wollten. Auch jüngere Linke wollten das nicht, weil es mit ihrem Leben nichts mehr zu tun habe. "Das ist ein Riesenproblem", befand der frühere Vorsitzende der Berliner LINKEN und jetzige Kultursenator.

Auch stimme ihn traurig, dass es seine Partei in den letzten 25 Jahren nicht geschafft habe, sich aus einer Sündenbockrolle zu befreien, indem sie die geschichtliche Aufarbeitung mit viel größerer Konsequenz durchgezogen hätte, als sie es getan hat. Ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall müsse die LINKE diese Auseinandersetzung endlich führen - mit der gebotenen Differenziertheit und Sachlichkeit.

(Bericht: Jörg Staude)


 

Wie funktionieren Zuhören, Gespräch, Verständigung, Streit und Konfrontation auf dem Minenfeld deutsch-deutscher Geschichtsaufarbeitung, welches noch heute mit Tabus und Redeverboten durchsetzt scheint? Dieser Frage geht Regisseur Jochen Hick in seinem neuen Film «DER OST-KOMPLEX» am Beispiel der Biografie von Mario Röllig nach und breitet vor dem/der Kinozuschauenden ein Spannungsfeld zwischen subjektiver Geschichte und historischer Wahrheit aus.
DER OST-KOMPLEX begleitet Mario Röllig, dessen Leben auch mehr als 25 Jahre nach dem Mauerfall stark von seinen Erfahrungen in der DDR geprägt ist. Mario Röllig, Jahrgang 1967, aus SED-treuem Elternhaus und offen schwul, ist einer der jüngsten und viel gefragter «DDR-Zeitzeuge». Er macht Führungen in dem zur Gedenkstätte umgewandelten ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen, in dem er selbst 1987 einsaß. Der ehemalige Kellner am Ost-Berliner Flughafen und spätere Zigarrenverkäufer im West-Berliner KaDeWe hält Vorträge vor Schulklassen, an US-Universitäten und vor der konservativen Partei, in der er heute selbst Mitglied ist. Er diskutiert mit PolitikerInnen, beteiligt sich an Mahnwachen und Demonstrationen und stößt dabei mit SympathisantInnen der ehemaligen DDR sowie BefürworterInnen sozialistischer und kommunistischer Gesellschaftsentwürfe zusammen. Diese sehen in Menschen wie Röllig GeschichtsverfälscherInnen und KommunistenhasserInnen im Auftrag des herrschenden Systems.
Mario Röllig ist kein Intellektueller. Er spricht viel über die DDR. Seine Geschichte hat ihn zum Verneiner gesellschaftlicher Utopien werden lassen. Den Begriff «Freiheit» verwendet er oft. Auch spricht Röllig über die Vorzüge des Kapitalismus, doch was versteht er darunter? Rölligs GegenspielerInnen dagegen beharren auf gesellschaftlichen Utopien. Aber sie sprechen erstaunlich wenig über die ehemalige DDR. DER OST-KOMPLEX begleitet Röllig zu seiner Familie, zu ehemaligen KollegInnen und GegenspielerInnen und erzählt ganz nebenbei die dramatische Lebensgeschichte, aus der er seine Antriebskraft bezieht.
DiskussionsteilnehmerInnen:

  • Mario Röllig (Zeitzeuge)
  • Jochen Hick (Filmemacher)
  • Dagmar Enkelmann (Vorstandsvorsitzende der Rosa-Luxemburg-Stiftung)

Moderation: Alfred Eichhorn (Journalist)

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news-14362 Thu, 15 Dec 2016 00:00:00 +0100 Europa am Scheideweg http://www.by.rosalux.de/dokumentation/id/14362/ Kann durch ein Ende der Austeritätspolitik dem Rechtsruck etwas entgegengesetzt werden?

Griechenland steht erneut vor einem dramatischen Krisenszenario, Neuwahlen könnten zu einer Verstärkung des rechts-konservativen Trends in Europa führen. An Stelle einer dringenden Neuformierung und Demokratisierung Europas ist in immer mehr Ländern eine Renationalisierung zu beobachten.

Der griechische Finanzminister Tsakalotos argumentiert, dass Griechenland die vereinbarten Bedingungen erfüllt hat, so dass jetzt die Diskussion über die Schuldenerleichterung beginnen könnte. Die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan sieht in den aktuellen Entwicklungen eine  tiefer gehende Kulturkrise, der ein Konkurrenzgedanke zugrunde liegt. Der Grünen-Politiker Jürgen Trittin fordert seit langem einen Schuldenerlass für Griechenland und Linken-Politiker Axel Troost argumentiert, dass die Syriza-Regierung trotz ihrer Zustimmung zu den Sparauflagen unterstützt werden sollte.

Diskussion über die Bedeutung der Austeritätspolitik für die Renationalisierungstendenzen in Europa.

Gäste:

  • Euklides Tsakalotos, Wirtschaftswissenschaftler und griechischer Finanzminister, Athen
  • Prof. Dr. Gesine Schwan, em. Prof. für  politische Theorie und Philosophie am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, Mitbegründerin und  Präsidentin der HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform gGmbH, Berlin
  • Jürgen Trittin, MdB Bündnis 90 / Die Grünen,  Mitglied im Auswärtigen Ausschuss und stellv. Mitglied im Ausschuss für Angelegenheiten der EU, Berlin
  • Axel Troost, MdB, Sprecher für Finanzpolitik und stellv. Bundesvorsitzender Die Linke, Berlin
  • Eftychia Achtsioglou, griechische Arbeitsministerin, Athen

Moderation: Ulrike Hermann, Bankkauffrau, Buchautorin und Wirtschaftskorrespondentin der Tageszeitung die taz, Berlin

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news-14363 Fri, 09 Dec 2016 00:00:00 +0100 Politische Ökonomie des Femonationalismus http://www.by.rosalux.de/dokumentation/id/14363/ «Luxemburg Lecture» von Sara R. Farris Sara R. Farris hat den Begriff des Femonationalismus untersucht und weiterentwickelt und beschreibt, wie es praktisch umgesetzt wird. Damit sind Diskurse, gesellschaftliche Strukturen und politische Einsätze gemeint, die die Frage der Gleichstellung der Geschlechter wie auch Rechte von Frauen für nationalistische, sexistische, rechtsradikale und antimuslimische Angriffe instrumentalisieren, um die Integration von Immigrant_innen und Muslim_innen zu vereiteln.

Sara R. Farris analysiert – mit Blick auf sehr unterschiedliche politische Akteure wie rechtsradikale Nationalist_innen, feministische Intellektuelle und «Femocrats» (Staatsfeministinnen) – rassistisch gewendete Politiken in westeuropäischen Ländern. Gleichzeitig setzt sie sich damit auseinander, dass auch neoliberale Regierungen das Thema Frauenrechte einsetzen, um muslimische Migrant_innen zu stigmatisieren – und darüber bspw. weitergehende Verschärfungen des Asylrechts wie in Deutschland 2016 möglich gemacht werden.

Sara R. Farris ist Dozentin am Goldsmith College, Universität London. In ihrer Arbeit konzentriert sie sich auf orientalistische Unterströme westlicher soziologischer Theorien, die sie in Max Webers Religionssoziologie, aber auch in Gender- und rassismuskritischen und auf soziale Reproduktion bezogenen Theorien kritisch untersucht, vor allem mit Blick auf Analysen zu migrantischen Frauen in Westeuropa.

Moderation: Katharina Pühl, Referentin für feministische Gesellschafts- und Kapitalismuskritik der Rosa-Luxemburg-Stiftung


Sara R. Farris examined and further developd the concept of femonationalism and describes how the phenomenon comes into operation. It comprises discourses, social structures as well as political interventions, which exploit gender equality and women’s rights in favor of nationalistic, sexist, right-winged extremist and anti-Muslim attacks to impede the integration of immigrants and Muslim people.

Sara R. Farris analyses – with reference to very different political actors such as right-winged nationalists, feminist intellectuals and femocrats – racist politics in the context of European Countries. At the same time, she depicts that also neoliberal governments make use of the concept of women’s right to stigmatize Muslim migrants. This manipulative politics led in Germany 2016 to a profound aggravation of asylum law.

Sara R. Farris is senior lecturer at Goldsmiths College, University of London. Her work to date has focused on the orientalist underpinnings of Western sociological theory, which she explored in her monograph on Max Weber’s sociology of religion, and on theories of gender, race and social reproduction, particularly as they apply to the analysis of migrant women in Western Europe.

Moderation: Katharina Pühl, Rosa-Luxemburg-Stiftung concerned with feminist analysis of society and capitalism

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news-14361 Sat, 03 Dec 2016 00:00:00 +0100 Unboxing http://www.by.rosalux.de/dokumentation/id/14361/ Algorithmen, Daten und Demokratie - Dokumentation der Livestreams To read the following introduction in english, please scroll down.

Wie verändert der zunehmende Einsatz von Algorithmen die Spielregeln politischen Denkens und Handelns? Wie verändern sich Herrschaft, Kontrolle und Kapitalismus? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Kräfteverhältnisse, Organisierung und politische Intervention?

Über unsere Welt legt sich ein immer feinmaschiger werdendes Netz an Sensoren und Schnittstellen. Diese immer leistungsfähiger werdenden Datenquellen und entsprechende Algorithmen versprechen alle Bereiche unseres Lebens, von der Stadt, über die Schule, den Arbeitsplatz, bis hin zum eigenen Haushalt «smart» zu machen. Auf dieser Grundlage werden Entscheidungen getroffen, die individuellen Alltag und öffentliches Leben beeinflussen, aber kaum nachvollziehbar sind. In vielen Bereichen bedeutet dies nicht nur Intransparenz, sondern auch konkrete Diskriminierung, zum Beispiel bei Werbung, Krediteinstufungen, Jobchancen, Polizeikontrollen oder Einreiseerlaubnissen. Schon das Wissen um die Möglichkeit, permanente Lieferantin von Daten zu sein, ist ein Moment sozialer Kontrolle - ausgehend sowohl von staatlichen Akteuren als auch von Wirtschaftsunternehmen wie Google, Facebook oder der Deutschen Post.

Die Eigentumsfrage in Bezug auf Daten muss als Frage gesellschaftlicher Teilhabe gestellt werden. Häufig als Rohstoff des 21. Jahrhunderts bezeichnet, dienen sie derzeit vor allem der Effizienzsteigerung von Angeboten privater Dienstleister. Sie könnten aber auch gesellschaftlich zugänglich sein, Bestandteil eines gemeinsamen Öffentlichen und einer bedürfnisorientierten Daseinsvorsorge werden, oder auch zu einer transparenten Steuerpolitik beitragen.

Die Algorithmen, die mit diesen Daten rechnen, sowie ihre Funktionsweisen sind selten transparent. Wäre es nicht sinnvoll, Einsicht in diese Codes und Datenbanken nehmen zu können? Und wer könnte dies in Anbetracht der hohen Komplexität und der bestehenden Machtverhältnisse überhaupt leisten?

Welche Art von Algorithmen wollen wir in unserer Gesellschaft eigentlich haben und inwiefern beeinflussen sich Gesellschaft und die aus ihr hervorgehenden Codes und Techniken wechselseitig? Diverse ethische und demokratietheoretische Dimensionen spielen hier rein, mit einigen wollen wir uns auf der Konferenz im Dezember beschäftigen. Dazu möchten wir Netz-Aktivist*innen, politisch Aktive, kritische Wissenschaftler*innen und Interessierte aus verschiedenen Spektren der Linken zusammenbringen. Gemeinsam wollen wir unterschiedliche Perspektiven diskutieren und wie wir voneinander lernen können.

<iframe frameborder="0" height="385" width="685" src="https://www.youtube.com/embed/videoseries?list=PLF22D39F2F54995EF"></iframe> Zu unserer YouTube-Playlist Medien/Digitaler Wandel

  • Prgramm auf Deutsch
  • Programme in English

ausführlicheres Programm als PDF

10:00

Begrüßung
Videostatement von Frank Pasquale (University of Maryland) [deut & engl]
Algorithen und Märkte, die perfekten Ausreden

10:45
Keynote Tiziana Terranova (Universität Neapel) [deut & engl]
Die Datenpolitik des Social Graph

11:45
Panels 1
* Diskriminierung durch Algorithmen [deut]
* Brauchen wir einen Algorithmen-TÜV [deut]
* Rekommunalisierung & die Frage der Daten [engl] in Kooperation mit der Berliner Gazette
* Vermessen und ausgeleuchtet – Big Data Analyse [deut]

13:15
Mittag

14:15
Keynote Felix Stalder (Zürcher Hochschule der Künste) [deut & engl]
Algorithmen, die wir wollen

15.00
Keynote Richard Barbrook (Universität Westminster) [deut & engl]
Digital Democracy Manifesto

15:45
Kaffeepause

16:00
Panels 2
* Predictive Policing [deut]
* Meinungsmacher Algorithmus? [deut]
* Smart City [deut & engl]
* Film: The Trial of Superdebthunterbot [engl]

18:00
Abendessen

19:00
Evgeny Morozov, Francesca Bria & Richard Barbrook [deut & engl]
Digitale Demokratie und Technologische Souveränität
Linke Antworten auf die smarte Offensive des Neoliberalismus

21:00
Ende

Während des ganzen Tages wird die Medien-Installation «Painted by Numbers» des World-Information Institute zu besichtigen sein.

More detailed program as PDF

10:00

opening
Videostatement: Frank Pasquale (University of Maryland) [ger & engl]
Algorithms and markets the perfect excuses

10:45
Keynote: Tiziana Terranova (University of Naples) [ger & engl]
The data politics of the social graph

11:45
Panels 1
* Discrimination by algorithms [ger]
* Do we need algorithm certificates? [ger]
* Recommunilization of Data: Big Data, Open Data, Commons Data [engl] in cooperation with Berliner Gazette
* Everything analysed-  Big Data analyses [ger]

13:15
lunch

14:15
Keynote: Felix Stalder (Zurich University of the Arts) [ger & engl]
Algorithms that we want

15.00
Keynote: Richard Barbrook (University of Westminster) [ger & engl]
Digital Democracy Manifesto

15:45
coffee break

16:00
Panels 2
* Predictive Policing [ger]
* Opinion leader algorithm? [ger]
* Smart City [ger & engl]
* Film: The Trial of Superdebthunterbot [engl]

18:00
dinner

19:00
Evgeny Morozov, Francesca Bria & Richard Barbrook [ger & engl]
Digital Democracy and Technological Sovereignty
Left answers to the smart attack of neoliberalism

21:00
End

Throughout the day the media installation «Painted by Numbers» by the World-Information Institute will be on display.

Read the introduction in English

How is the increasing use of algorithms shifting the rules of the game when it comes to political thought and action? How are algorithms changing capitalism, and expressions of dominance and control? And what are the consequences concerning relations of power, organizing and political intervention?

Our world is enveloped by a progressively dense net of sensors and interfaces. These data sources and their corresponding algorithms are becoming increasingly advanced. Moreover, they promise to deliver «smart» solutions to every area of our lives, from the city, school and workplace, to households. These changes are laying the foundations for decisions that affect our everyday lives and wider public life, yet the way in which they work remains elusive. This situation not only leads to a lack of transparency in many fields but also encourages particular forms of discrimination, such as those that occur in advertising, during police checks, or visa applications, and others that are reflected in bad credit scores and a lack of job opportunities. Merely knowing that we all continually provide data constitutes an expression of social control, irrespective of whether the data is collected by state actors or private companies such as Google, Facebook and Deutsche Post.

Data ownership needs to be treated as a question of social participation. Although it is often referred to as the resource of the 21st century, data is primarily used by private service providers to enhance the efficiency of their services. However, data could also be made accessible to the public and be deployed within public, needs-based services, or even help contribute towards transparent tax policies.

The algorithms that process data and the ways in which they work are rarely made accessible. But would it not be sensible to have the possibility to study these codes and databases? Furthermore, given their high levels of complexity and current power relations, who could afford to do so?

What kinds of algorithms do we want to see in our society, and what is the interplay between society and the codes and techniques that develop out of our society? Diverse ethical and democratic-theoretical aspects play a role here, and we intend to address a number of these issues at the conference in December. Therefor we will bring together net and political activists, critical scientists and people from various other areas of the left-wing spectrum. The aim is to discuss different perspectives and learn from each other.

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news-14360 Wed, 30 Nov 2016 00:00:00 +0100 Rückkehr der Rechten http://www.by.rosalux.de/dokumentation/id/14360/ Klasse, Scham und die Linken. Videoaufzeichnung der Luxemburg Lecture von Didier Eribon Kaum ein Buch hat in diesem Jahr so viel Aufmerksamkeit erregt wie Didier Eribons «Rückkehr nach Reims». Angesichts der Wahlerfolge rechtspopulistischer Partien in vielen Ländern Europas trifft es den Nerv der Zeit: Warum wählen gerade die «Abgehängten», oft ehemals linke Stammwähler*innen, die Rechten? Eribons These ist schmerzlich: Die Linke habe sich abgewendet von der Klassenfrage und von den Arbeiter*innen selbst  – und damit den Aufstieg der Rechten möglich gemacht.

Diese Entfremdung zeichnet Eribon in der eigenen Biographie nach: Bildungsaufstieg und schwule Emanzipation waren ihm nur durch die Verleugnung seiner Klassenherkunft möglich. Er lenkt dabei den Blick auf die Wirkmächtigkeit sozialer Scham und die Widersprüche der Selbstbehauptung.

Im Anschluss an den Vortrag von Didier Eribon diskutierten wir gemeinsam mit ihm und Christina Kaindl über linke Gegenstrategien: Was wäre Klassenpolitik auf der Höhe der Zeit? Was sind linke Antworten auf die rechte Mobilisierung?

Didier Eribon wurde 1953 in Reims geboren. Als erstes Mitglied seiner Familie legte er das Abitur ab und studierte Philosophie. Er war viele Jahre Journalist und Autor, unter anderem einer vielbeachtete Biographie Michel Foucaults. Didier Eribon ist heute Professor für Soziologie an der Universität in Amiens und schreibt zu den Themen schwule Subjektivität sowie sexuelle und soziale Scham. Er lebt in Paris.

Christina Kaindl ist Kritische Psychologin und leitet die Abteilung Strategie- und Grundsatzfragen der Partei DIE LINKE. In ihrer Arbeit interessiert sie unter anderem, wie die (Selbst-)Organisierung von Menschen in Zeiten des neoliberalen Kapitalismus gelingen kann.

Moderation: Eva Völpel (Gewerkschaftssekretärin bei ver.di und Autorin des Buches Plätze sichern! Re-Organisierung der Linken in der Krise)

Verdolmetschung: Lilian-Astrid Geese und Anna Bodenez

Interview mit Didier Eribon in neues deutschland:
«Die Linke ist schuld am Aufstieg der Rechten»
Der französische Soziologe Didier Eribon über das Verschwinden der Arbeiterklasse in der öffentlichen Debatte

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news-14359 Tue, 22 Nov 2016 00:00:00 +0100 Bleiberecht für Roma in Deutschland http://www.by.rosalux.de/dokumentation/id/14359/ Vorstellung der Petition des Bundes Roma Verband  

Am 22. November stellte der Bundes Roma Verband seine Petition Endlich eine Lösung für Generationen finden: Bleiberecht für Roma in Deutschland in den Räumen der Rosa Luxemburg Stiftung vor.

Isidora Randjelović, Lehrbeauftragte an der Alice Salomon Hochschule und Initiatorin des feministischen Romani-Archivs RomaniPhen in Berlin, eröffnete das Panel.

Nizaqete Bislimi, die Vorsitzende des Bundes Roma Verbandes skandalisierte die sich verschärfende Bundespolitik gegenüber Roma und kritisierte vor allem die verschärfte Regelung zu den sog. sicheren Herkunftsstaaten auf dem Balkan und den rigiden Umgang der Bundesregierung gegenüber den Protesten der Roma in Deutschland. Sie begründete außerdem die Ablehnung des Verbandes zum Bundesintegrationsgipfel, da Roma, die seit vielen Jahrhunderten Europäer_innen seien, nicht in den Kontext von Integration gehörten.

Kenan Emini, Organisator der Initiative „Alle Bleiben!“ und Filmemacher von „The Awakening“, ein Film über die Situation abgeschobener Roma, sprach über die Abschiebemaschinerie gegen Roma. Er machte deutlich, dass die vielen geflüchteten Roma, die nach Deutschland kommen, meist Rückkehrer_innen seien, die im Vorfeld bereits (mehrfach) abgeschoben wurden. Es sei ein Trugschluss, dass es sich um unendliche Zahlen handele, vielmehr sei es ein teuflischer Kreislauf von Abschiebung auf den Balkan und Rückkehr nach Deutschland, in den kaum 50.000 Menschen gefangen seien. Für sie müsste endlich eine dauerhafte Bleibemöglichkeit geschaffen werden. Nicht ohne Bitterkeit beschrieb Emini allerdings den Rechtsruck der etablierten Parteien, die sich nicht mehr trauten von einem Bleiberecht für Roma zu sprechen aus Angst, ihre Wähler an die AfD zu verlieren.

Was eine Abschiebung für  Roma, die in Deutschland aufgewachsen sind, in ihnen völlig fremde Länder bedeutet, deren Sprache sie nicht mächtig sind, beschrieben die Brüder Semali und Kefaet Prizreni. Ihr Dokumentarfilm „Trapped by Law“ zeigt ihre eigene Abschiebung und ihre Odyssee durch verschiedene Balkanländer auf der Suche nach einem neuen Heimatort und schließlich ihren Marsch zurück nach Deutschland. In Deutschland geboren wurden sie nach über 20 Jahren auf den Balkan abgeschoben, wo sie dem Rassismus der nicht-Roma Bevölkerung ausgesetzt waren, während sie den dortigen Roma als „die Deutschen“ fremd galten. Die Brüder Prizreni, die auch als Hip Hop Formation K-Flows and Gypsys Evidence K.A.G.E. für ihre Sache kämpfen, zeugten eindrucksvoll von dem existierenden Rassismus gegen Roma, aber auch von dem Mut und der Kreativität ihres Widerstandes.

Das Panel wurde von Annette Groth abgeschlossen, die von ihren Erfahrungen als menschenrechtspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion DIE LINKE berichtete. Mit zunehmender Besorgnis beobachte sie die zunehmende Suspendierung des Menschen- und Völkerrechts im Umgang mit Geflüchteten und insbesondere den Roma.

Petition: https://www.change.org/p/bleiberecht?utm_source=embedded_petition_view 

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news-14357 Tue, 01 Nov 2016 00:00:00 +0100 Klimaschäden im Fokus http://www.by.rosalux.de/dokumentation/id/14357/ Ein Jahr «Paris» und der Meeresspiegel steigt weiter Am 12. Dezember 2015 wurde von der 21. UN-Klimakonferenz ein Abkommen beschlossen, das die Begrenzung der globalen Erwärmung auf deutlich unter 2 °C im Vergleich zum Beginn des Industriezeitalters vorsieht. Wenige Tage vor der 22. UN-Klimakonferenz in Marrakesch (Marokko) möchten wir die Frage aufwerfen, was aus den Beschlüssen und Verpflichtungen dieses «historischen» Abkommens inzwischen wurde und wie es um die angekündigte Zeitenwende in der internationalen Klimapolitik gerade steht.

Einen Schwerpunkt soll dabei die Debatte um «Loss and Damage» bilden. Hierbei geht es um die Verluste und Schäden, die der Klimawandel  bereits heute – und künftig in noch wachsendem Maße – weltweit herbeiführt. Ausgehend von historischer und aktueller Verantwortung geht es dabei auch um die Frage, wie die Kosten von klimawandelbedingten Zerstörungen beglichen und in der Welt verteilt werden sollen. Der Abend soll einen Überblick darüber verschaffen, wo sich die Debatte gerade befindet, was von den Verhandlungen in Marrakesch  zu erwarten ist und wie sich Betroffene und soziale Bewegungen weltweit in dieser Frage positionieren.

Zum Einstieg launchen wir ein brandneues Video und eine Broschüre zum Thema «Loss and Damage». Im Anschluss wollen wir auf Grundlage von Schlaglichtern aus betroffenen Communities im Pazifik und weiteren Inputs miteinander ins Gespräch kommen – auch darüber, wie die Klimagerechtigkeitsbewegung in Nord und Süd in diese Debatten eingreifen kann.

Mit Beiträgen von:

  • Insa Vries (Aktivistin, Ende Gelände)
  • Jan Kowalzig (Referent für Klimawandel & Klimapolitik, OXFAM Deutschland)
  • Tetet Lauron (IBON, Philippinen)
  • Sabine Minninger (Brot für die Welt)
  • Juliane Schumacher (Journalistin und Autorin)
  • und Stimmen von betroffenen Communities im Pazifik

Moderation: Nadja Charaby und Steffen Kühne (Rosa-Luxemburg-Stiftung)


Ein Jahr nach Paris

Vom 7. bis 18. November findet in Marrakesch der 22. UN-Klimagipfel statt.

Wir sind vor Ort, beobachten die Verhandlungen, begleiten die Klimagerechtigkeitsbewegung, diskutieren mit verschiedenen AkteurInnen zentrale Themen und berichten kritisch.

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news-14358 Sat, 29 Oct 2016 00:00:00 +0200 Gerechtigkeit im Ausverkauf? http://www.by.rosalux.de/dokumentation/id/14358/ Wie Ressourcenabbau und Megaprojekte Menschenrechte und Verteilungskonflikte in Tansania beeinflussen

Der Abbau mineralischer und fossiler Rohstoffe sowie die zunehmende Nutzung landwirtschaftlicher Flächen durch Agrarkonzerne und geplante Megaprojekte im Infrastrukturbereich (Häfen, Ölpipelines, Eisenbahntrassen) werfen viele Fragen auf. Vor allem der Schutz von Menschenrechte und Fragen einer gerechten Verteilung der Erträge bewegen viele AkteurInnen. Eine Annäherung an das Thema gelang dem Studientag "Gerechtigkeit vor dem Ausverkauf?!", gemeinsam vom Tanzania-Network und der RLS organisiert. VertreterInnen aus Zivilgesellschaft, Politik und Privatwirtschaft kamen zusammen. Einigkeit bestand in der Bedeutung und Möglichkeit von Rohstoffabbau für eine strukturelle sozioökonomische Transformation. Deutlich wurden jedoch auch die Unterschiede in der Strategie. So plädierten zivilgesellschaftliche VertreterInnen für eine starke, auch wirtschaftliche Rolle eines „Development State“, andere sahen eher die Privatwirtschaft in der Pflicht, Entwicklungsprozesse anzuschieben und dabei auch auf die Einhaltung von Menschenrechte zu drängen. Provokant blieb die These, dass viele der geplanten Megaprojekte eher einer (Selbst)Beruhigung der Politik und einer Ruhigstellung der Öffentlichkeit dienen – jedoch kaum an ihrer Umsetzung gearbeitet wird.

Großen Raum nahm die Debatte um die Politik des im letzten Jahr gewählten Präsidenten Magufuli ein. Wurden seine politischen und ökonomischen Ansätze meist positiv bewertet (Fokus auf Industrialisierung, höhere Besteuerung von Unternehmen, Kampf gegen Korruption), fand die Einschränkung des direkten und indirekten zivilgesellschaftlichen Aktionsradius keinerlei Zustimmung.

Für die regionale Integration sind die Auswirkungen der entdeckten Rohstoffvorkommen und der daraus resultierenden Infrastrukturprojekte zurzeit schwer abschätzbar – Kooperationen, z.B. zwischen Tansania und Uganda, nehmen zu, Spannungen aber ebenso. Eine kohärente Strategie gegenüber Nachbarstaaten und der Ostafrikanischem Gemeinschaft als Ganzem ist bisher nicht ersichtlich.

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Programm

Samstag, 29.10.

10:00: Opening and introduction
10:15: Embedding resource topics into different levels
- Resource politics on national level after one year of President Magufuli | Amani Mhinda
- Tackling resources from a regional level | Joan Leon
- Tackling resources from international perspective | John Njenga Karugia (t.b.c)
11:15 – 11:30: coffee break
11:30 – 13:00: Discussion round on «megaprojects, resources and human rights»
13:00 – 14:00: lunch break
14:00 – 15:30: Parallel workshops
- Workshop 1: Political economy of natural resources / extractivism in past and present | Amani Mhind

- Workshop 2: Oil and gas | Dennis Mwendwa
- Workshop 3: Relationship with China
| John Njenga Karugia
- Workshop 4: Uranium and community resistance and civil society efforts | Joan Leon
- Workshop 5: SAGCOT and the impacts on right to food
| Ben Luig
15:30: Coffee break
16:00 – 16:30: Feedback session
17:00 Film: «Seeds of Freedom» – «Uhuru wa Mbegu za Wakulima» | Produced by the Tanzania Organic Agriculture Movement 2016
Moderation: Franza Drechsel (FU-Projekt Global Change - Local Conflicts? (GLOCON)

Sonntag, 30.10


9:30: Opening remarks
10:00 – 12:00: Panel discussion «Everyone talks about development...can or will megaprojects contribute to it?»
- Amani Mhinda (HakiMadini)
- Dirk Smelty (Tanzanian German Business Center)
- Niema Movassat (MdB, Die LINKE)
- Representative from Tanzanian embassy (t.b.c.)
12:30: Lunch and end of conference
Moderation: Patrick Schukalla (Zentrum Moderner Orient, Berlin)

Der Studientag war ein gemeinsames Projekt des Tanzania-Network in Zusammenarbeit mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung und findet in Deutsch und Englisch statt. Eine Übersetzung wird gestellt. 

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