Dokumentation http://bayern.rosalux.de/ Hier finden Sie unsere Dokumentationen. de Copyright Tue, 19 Jun 2018 19:51:24 +0200 Tue, 19 Jun 2018 19:51:24 +0200 TYPO3 Dokumentation http://bayern.rosalux.de/fileadmin/sys/resources/images/dist/logos/logo_rss.jpg http://bayern.rosalux.de/ 144 109 Hier finden Sie unsere Dokumentationen. news-38971 Wed, 13 Jun 2018 14:25:46 +0200 Nachhaltig politisieren http://bayern.rosalux.de/dokumentation/id/38971/ Globale soziale Rechte als Alternative zur Agenda 2030

Die Nachhaltigkeitsziele der UN werden von keiner Regierung ernst genommen. Niemand hält sich an sie. Die Aufkündigung des Klima-Abkommens von Seiten der USA ist der beste Beweis hierfür.

Boniface Mabanza, Koordinator der Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA), hält diese Ziele für bloße Absichtserklärungen ohne Durchschlagkraft, die einer reduktionistischen Wahrnehmung von Nachhaltigkeit folgen.

 
Im Mittelpunkt der gut besuchten Podiumsdiskussion im Berlin Global Village standen die Fragen, ob das Konzept der Globalen Sozialen Rechte die Nachhaltigkeitsziele der UN politisieren kann und inwiefern es sich als kritische Intervention in den Diskurs und die Politiken der Nachhaltigkeitsziele eignet.

Neben Boniface Mabanza waren auf dem Podium Stefanie Kron, Referentin für Internationale Politik und Soziale Bewegungen der Rosa-Luxemburg-Stiftung, und Thomas Seibert, Süd- und Südostasien Referent bei Medico International, zu Gast. Sylvia Werther vom Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlag (BER) moderierte den Abend. Die Podiumsdiskussion bildete den Auftakt einer ganzen Reihe von Diskussionsveranstaltungen  mit dem Titel «Recht haben. Internationale Bewegungen für soziale Gerechtigkeit» – ein Kooperationsprojekt zwischen der Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlag.

Die Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 sind politische Zielsetzungen der Vereinten Nationen, die der Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung auf ökonomischer, sozialer und ökologischer Ebene dienen sollen. Sie lösen die so genannten Millennium Development Goals ab und bilden inzwischen den Referenzrahmen jedes entwicklungspolitischen Handelns. Erstmals werden in den UN-Nachhaltigkeitszielen auch die Länder des globalen Nordens als Entwicklungsländer definiert. Sie nehmen damit eine globale Perspektive auf Ungleichheit und Entwicklung ein.

Allerdings, betonte Mabanza, seien die Nachhaltigkeitsziele keine rechtlich bindenden Instrumente und blieben daher weitgehend unrealisiert. Mabanza hob auch die Widersprüchlichkeit der Nachhaltigkeitsziele hervor: Einerseits würde darauf abgezielt, soziale Ungleichheiten weltweit zu bekämpfen, andererseits aber unterliege dem gesamten Konzept ein wachstumsorientiertes, kapitalistisches Entwicklungsmodell, das die neoliberale Marktwirtschaft weiter fördere. Die Nachhaltigkeitsziele stellen also dieses globale Wirtschaftssystem nicht in Frage, welches deren Formulierung erst notwendig gemacht hat.

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news-38784 Mon, 07 May 2018 16:10:09 +0200 Marx200 — Eine Dokumentation http://bayern.rosalux.de/dokumentation/id/38784/ Politik - Theorie - Sozialismus. Der Kongress zum 200. Geburtstag von Karl Marx Zum 200. Geburtstag von Karl Marx veranstaltete die Rosa-Luxemburg-Stiftung Anfang Mai 2018 einen Kongress: eine kurze Woche mit Theorie, Politik und Kunst. Es handelte sich um die zentrale Konferenz innerhalb des ganzjährigen Veranstaltungsprogramms im Marx-Jubiläumsjahr.

Im Folgenden dokumentieren wir einige Konferenzbeiträge und geben Eindrücke von der vielfältigen Tagung wieder.

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news-38761 Sat, 28 Apr 2018 14:08:00 +0200 Klimagerechtigkeit – Zeit zu handeln http://bayern.rosalux.de/dokumentation/id/38761/ Warum es sich lohnt, um jedes Zehntelgrad zu kämpfen Hunger, Vertreibung, Armut und die Zerstörung der Lebensgrundlagen von Millionen Menschen gehören zu den immer drastischer zu Tage tretenden Folgen des Klimawandels. Dass er ganz maßgeblich durch den Menschen verursacht wird, ist seit Langem bekannt, von einer gemeinsamen Lösung ist die Welt jedoch noch weit entfernt. Eine gemeinsame Veranstaltung mit der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zum Thema Klimagerechtigkeit.

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news-38797 Fri, 27 Apr 2018 13:32:00 +0200 Initiative für ein Neues Normalarbeitsverhältnis http://bayern.rosalux.de/dokumentation/id/38797/ Gemeinsam Druck machen für höhere Löhne, Tarifbindung und Arbeitszeitverkürzung. Gewerkschaftspolitische Herausforderungen unter der 3. Großen Koalition. Mehr als 130 Teilnehmer*innen kamen am 24. April in den Räumen der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu einer Fachtagung „Initiative für ein Neues Normalarbeitsverhältnis. Gemeinsam Druck machen für höhere Löhne, Tarifbindung und Arbeitszeitverkürzung. Gewerkschaftspolitische Herausforderungen unter der 3. Großen Koalition“ zusammen, um über Konzepte und Durchsetzungsperspektiven einer Umgestaltung der Arbeitswelt im Interesse der Beschäftigten zu diskutieren.

Auf eine Begrüßung von Sybille Stamm (Vorstand Rosa-Luxemburg-Stiftung) folgten die Eröffnungsreden von Annelie Buntenbach (DGB Bundesvorstand), Nicole Mayer-Ahuja (Soziologisches Forschungsinstitut, Göttingen) und Bernd Riexinger (Vorsitzender DIE LINKE.) Wir dokumentieren die Videos der Reden hier, die Präsentationen von Buntenbach und Mayer-Ahuja finden sich unten.

Außerdem gab es eine Grußbotschaft der streikenden Beschäftigten der Vivantes Servicegesellschaft. Sie hatten schon am frühen Morgen ein Streikzelt vor der Rosa-Luxemburg-Stiftung errichtet, um für Unterstützung für ihren Arbeitskampf für eine Rückführung ausgegliederter Beschäftigter in den TvöD zu werben. Ihr Auftritt auf der Fachtagung wurde von begeistertem Applaus der Teilnehmer*innen begleitet.

Lesenswert:
Bernd Riexinger / Lia Becker
For the many, not the few: Gute Arbeit für Alle!
Vorschläge für ein Neues Normalarbeitsverhältnis
Sozialismus.de | Supplement zu Heft 9 / 2017

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news-38864 Sat, 21 Apr 2018 15:17:00 +0200 Marx in Hessen http://bayern.rosalux.de/dokumentation/id/38864/ Tagung anlässlich des 200. Geburtstags von Karl Marx Am 5. Mai 2018 jährte sich der Geburtstag von Karl Marx. Marx gehört ohne Zweifel zu den bedeutendsten Wissenschaftlern, mit seinen kritischen politischen und ökonomischen Analysen hat er wesentlich zum Verständnis kapitalistischer Verhältnisse beigetragen.

Die Tagung «Marx in Hessen» wurde gemeinsam von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung Hessen anlässlich des 200. Geburtstags von Karl Marx in Kooperation mit Prof. Dr. Bernd Belina und Apl. Prof. Dr. Alex Demirović von der Goethe-Universität, der GEW, der Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung, dem Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, der Redaktion des «express. Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit» und der Redaktion der «Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung» veranstaltet. Mit mehr als 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern war die Tagung gut besucht. Das Publikum war bunt gemischt, etwa ein Drittel der Teilnehmenden war jünger als 35 Jahre. Der Titel «Marx in Hessen» erklärt sich dadurch, dass die Veranstalter sich das Ziel setzten, nicht nur über die Marxsche Theorie zu diskutieren, sondern auch über ihre Rezeption und Weiterentwicklung in Hessen, für die unter anderem die Kritische Theorie der «Frankfurter Schule» und die «Marburger Schule» um Wolfgang Abendroth stehen. Die Praxis der marxistischen Theorie wurde weiter auch durch die Präsenz von Institutionen wie dem Sozialistischen Büro oder dem Institut für Marxistische Studien und Forschungen geprägt.

Frank Deppe stellte in seinem Einleitungsreferat das Verhältnis von Theorie und Praxis ins Zentrum und spannte einen weiten Bogen von den Frühsozialisten über den Einfluss von Kommunisten und Sozialdemokraten auf die hessische Verfassung bis zur Gegenwart. Joachim Hirsch konzentrierte sich in seinem Beitrag ebenfalls auf das Verhältnis von Theorie und Praxis und verwies dabei auf die Differenzen zwischen den verschiedenen Marxismen, die teils mehr auf die Beeinflussung von Partei- und Gewerkschaftsapparaten, teils mehr auf soziale Bewegungen setzten. Inwieweit Differenzen, die in den 1970er Jahren zu erbitterten Grabenkämpfen innerhalb der Linken führten, heute noch eine Rolle spielten, wurde durchaus kontrovers diskutiert. In dem anschließenden Panel über «Umstrittene Interpretationen der Marxschen Theorie und ihre politischen Implikationen» wurden jedenfalls viele Gemeinsamkeiten zwischen Nadja Rakowitz und David Salomon deutlich, auch wenn die eine in «Frankfurter Tradition» vor allem die erkenntniskritische und ideologiekritische Bedeutung der Marxschen Wertformanalyse betonte, während der andere in «Marburger Tradition» für den Kampf um Verfassungspositionen warb.

In dem Panel über «Raum und Politik» ging Jens Wissel über die Marxsche Theorie der kapitalistischen Produktionsweise in ihrem «sozusagen idealen Durchschnitt» hinaus und thematisierte historische Veränderungen der kapitalistischen Entwicklung vom Fordismus bis zu den Folgen der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise. Bernd Belina stellte eine räumliche Analyse der Wahlergebnisse der AfD vor und machte dabei deutlich, dass die Ergebnisse je nach der gewählten Maßstabsebene sich sehr unterschiedlich darstellen. Klar wurde jedoch, dass die AfD in ländlichen Gebieten überdurchschnittlich hohe Gebiete erzielt, während die Partei DIE LINKE in Großstädten ihre Hochburgen hat. Wie diese Ergebnisse mit der Klassenstruktur und anderen sozialen Verhältnissen korrelieren, wird Gegenstand weiterer Untersuchungen von Bernd Belina sein. Janine Wissler, die Fraktionsvorsitzende der LINKEN im Hessischen Landtag, stellte daran anknüpfend die gegenwärtigen Herausforderungen linker Politik dar.

Thomas Sablowski und Jörg Goldberg diskutierten, wie an die Marxsche Theorie für eine Analyse der Internationalisierung des Kapitals, der ungleichen Entwicklung und der nachholenden kapitalistischen Entwicklung im globalen Süden anzuknüpfen wäre. Sablowski streifte, ausgehend von Marx «Sechs-Bücher-Plan» und seinen Bemerkungen über den Weltmarkt, die klassischen Imperialismustheorien, die Dependenz- und Weltsystemtheorie, die bundesdeutsche Weltmarktdebatte der 1970er und frühen 1980er Jahre und die Globalisierungsdiskussion der 1990er Jahre und kam dabei zu dem Ergebnis, dass all diese Ansätze erneut kritisch durchgearbeitet werden müssten, um zu einer kritischen Theorie der Internationalisierung des Kapitals und der ungleichen Entwicklung zu gelangen. Jörg Goldberg plädierte dafür, die Marxsche Methode auf China und die anderen neuen Kapitalismen im «Globalen Süden» anzuwenden, um dabei zu untersuchen, wie traditionelle soziale Verhältnisse kapitalistisch umgeformt werden, ohne gänzlich zu verschwinden. Goldbergs These war, dass die Analyse dieser Kapitalismen auch unser eurozentrisch geprägtes Bild, was der Kapitalismus «im Durchschnitt» sei, verändern würde.

Auf dem Panel zu «Postkoloniale Konstellation und imperiale Lebensweise» stellten Encarnación Gutiérrez Rodríguez (Universität Gießen), Ulrich Brand (Universität Wien) und Stefan Gandler (UNAM Mexiko) ihre Überlegungen vor. Einig waren sich die Vortragenden, dass die Lage der Länder des globalen Südens von den Bedingungen bestimmt sei, die durch eine lange Geschichte der Ausbeutung erzeugt wurde. Es wurden jedoch deutlich verschiedene Akzente gesetzt. Für Encarnación Gutiérrez Rodríguez stand im Zentrum ihrer Überlegung die Frage des Rassismus. Der Kapitalismus sollte entsprechend als ein rassifiziertes Verhältnis verstanden werden, da er sich ohne diese grundlegende Abwertung und Einsetzung von Menschen nicht hätte bilden und reproduzieren können. Uli Brand stellte Überlegungen zur imperialen Lebensweise dar. Dabei geht es darum, dass die Länder des globalen Südens seit Jahrhunderten weitgehend instrumentell als Lieferanten von Rohstoffen und Menschen angesehen werden. Der Extraktivismus ist nicht nur in jenen Regionen des Südens zerstörerisch, sondern mit dem enormen Ressourcenverbrauch auch in den kapitalistischen Zentren. Stephan Gandler stellte Thesen zur Verdinglichung im alltäglichen Leben Mexikos vor.

Den zweiten Tag der Tagung eröffnete Hans-Jürgen Urban vom Vorstand der IG Metall mit einer Weiterführung seiner Überlegungen zur «Mosaiklinken». Ihm ging es dabei vor allem um die Frage, inwieweit die gegenwärtige Schwäche und Fragmentierung emanzipatorischer Kräfte selbstverschuldet ist. Dabei nahm sich Urban die Gewerkschaften, die akademische Linke und die sozialen Bewegungen vor und entwickelte auch einige Vorschläge, wie deren Verhältnis zueinander konstruktiver zu gestalten wäre. Alex Demirović nahm die Neuerscheinung der Manuskripte zur «Deutschen Ideologie» im Rahmen der Marx-Engels-Gesamtausgabe zum Anlass, um einen weiten Bogen von den historischen Verbindungen zwischen dem Frankfurter Institut für Sozialforschung und den Herausgebern der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe, die durch den Stalinismus zerstört wurden, bis zu den heutigen marxistischen Diskussionen zu spannen. Dabei warb er darum, das Projekt einer integralen kritischen Gesellschaftstheorie, wie sie sowohl Marx und Engels als auch Max Horkheimer vorschwebte, fortzusetzen. Er plädierte für ein Verständnis von Intellektuellen als Transformationsintellektuellen, die aktiv Theorie und Praxis miteinander verbinden. Dies geschieht in historisch sehr spezifischen Konstellationen. Anders als zu Zeiten der «Marburger» und der «Frankfurter Schule» fänden sich diese Intellektuellen nicht mehr an den Hochschulen. Sie hätten auch eine Funktion, die verschiedene Teile der Linken miteinander zu verbinden.

Das Abschlusspanel war jüngeren Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen vorbehalten, die auf ganz unterschiedliche Weise die aktuellen Herausforderungen einer an Marx orientierten Theorie und Praxis thematisierten. Bettina Gutperl vom Studierendenverband DIE LINKE/SDS beschrieb die Kämpfe der Studierenden angesichts der durch die Bologna-Reformen veränderten Studienbedingungen. Anne Tittor betonte die Relevanz von der Marxschen Theorie entlehnten Konzepten wie dem der fortgesetzten «ursprünglichen» Akkumulation für eine Analyse neoliberaler Politiken, namentlich in den Ländern des «Globalen Südens». Felix Wiegand stellte die Bedeutung von Auseinandersetzungen auf der kommunalen Ebene um Wohnraum, um das «Recht auf Stadt» dar. Er kritisierte, dass viele prekarisierte Wissenschaftler*innen, die zwischen verschiedenen Städten pendelten, kaum in der Lage seien, als «organische Intellektuelle» der Subalternen im Sinne Antonio Gramscis zu fungieren, weil sie schon durch ihre Lebensweise nicht ausreichend auf die lokalen Auseinandersetzungen Bezug nehmen könnten. Jenny Simon stellte ihre Erfahrungen als Teamerin von «Kapital»-Kursen dar und machte die Diskrepanz zwischen dem großen Interesse Studierender an der Marxschen Theorie und den mangelhaften Möglichkeiten, sich mit dieser an den Hochschulen auseinanderzusetzen, deutlich. 

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news-38730 Wed, 18 Apr 2018 11:42:25 +0200 Kämpfen und Überleben am Kurd Dagh http://bayern.rosalux.de/dokumentation/id/38730/ Eine Veranstaltung zur aktuellen Situation im syrisch-kurdischen Kanton Afrin seit der Eroberung durch die türkische Armee

Die Weltgemeinschaft verschließt größtenteils die Augen vor den Menschenrechtsverletzungen, die derzeit in der durch die Türkei besetzten Stadt Afrin stattfinden.

Helin Evrim Sommer, entwicklungspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE im Bundestag, findet klare Worte zu den spärlichen internationalen Reaktionen auf den völkerrechtswidrigen Angriff auf den syrisch-kurdischen Kanton Afrin und die anschließende Eroberung der gleichnamigen Stadt durch die türkische Armee im März dieses Jahres.

Der Alltag der türkischen Besatzung stand im Mittelpunkt der Buchvorstellung und Podiumsdiskussion «Kämpfen und Überleben am Kurd Dagh», die am Dienstag, den 17. April, im Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung stattfand.  Neben Helin Evrim Sommer war Dr. Thomas Schmidinger aus Wien, Nahost-Experte und Autor des Buches «Kampf um den Berg der Kurden», der zweite Gast auf dem Podium. Moderiert wurde der Abend von Dr. Stefanie Kron, Referentin für Internationale Politik der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Die Redaktionsgruppe der beiden Online-Dossiers der Stiftung zum Nahen Osten und zur Türkei hatte die Veranstaltung organisiert.

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news-38682 Thu, 05 Apr 2018 17:19:01 +0200 «The Pool» — Eiko Grimberg http://bayern.rosalux.de/dokumentation/id/38682/ Ausstellung beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Politik und Ästhetik im Bereich der Architektur Die Fotoausstellung «The Pool» beschäftigt sich mit der architektonischen Dimension von sozialer und politischer Repräsentation und deren konkreten Manifestierung im urbanen Raum Moskaus. Sie war vom 9. - 18. März 2018 im Haus 1, in Berlin Kreuzberg zu sehen. Im Zentrum der Ausstellung steht das Bassin Moskwa, ein gigantisches rundes Schwimmbad, welches mit einem Durchmesser von 130 Metern das bis dato zweitgrößte Schwimmbad der Welt war.  

Grimberg zeigt in «The Pool», ein Kooperationsprojekt des Künstlers und der Rosa-Luxemburg-Stiftung, eine eher unbekannte Epoche russischer Kultur- und Stadtgeschichte, anhand derer sich die verschiedenen Epochen - Revolution, Moderne, Stalinismus, Sowjetunion, politische Erneuerung und die aktuellen Prozesse der Restauration - ablesen lassen. Ohne die Geschichte eines Ortes zu erzählen, wird hier der Ort einer Geschichte sichtbar, deren architektonischen Ausformulierungen den Narrativen ihres jeweiligen Regimes folgen.

Während das tatsächliche Schwimmbad nur ein einziges Mal im Mittelpunkt der Ausstellung als großes Poster auf dem Boden liegend sichtbar wird, sind die Ausstellungsbesucher*innen angehalten sich der komplexen Geschichte dieses Ortes mittels unterschiedlicher Elemente und subtiler Andeutungen, zu nähern. In dem Video «Investigations», das den ersten Teil der Ausstellung bildet, werden der Forschungsprozess und die Recherchen des Künstlers sichtbar. Ebenfalls ist hier zu erkennen, dass das Schwimmbad nur einen sehr kleinen Ausschnitt der Geschichte dieses Ortes zeigt. Heute steht an demselben Ort der Neubau der Christ-Erlöser-Kathedrale, das zentrale Gotteshaus der russisch-orthodoxen Kirche. 1983 erbaut, wurde die Kathedrale im Stalinismus der 1930er Jahre abgerissen und dann in den Jahren 1995 bis 2000 originalgetreu wiedererrichtet. Zwischen 1960 und 1994 stand an Ort und Stelle das Bassin Moskwa.

Die Christ-Erlöser-Kathedrale gewann 2012 mit einer Aktion der feministischen Punk Band Pussy Riot, weltweite Aufmerksamkeit. Die Aktivist*innen von Pussy Riot stürmten den Ambo der Kathedrale und vollführten vor dem Altar ein «Punk-Gebet» gegen die korrupte Allianz zwischen Kirche und Staat, zwischen Putin und dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I.

Auch für Grimberg stellte das Punkt-Gebet von Pussy Riot den Ausgangspunkt für seine langjährige Recherche zu diesem Ort und für das Projekt «The Pool» dar, wie er beim Künstlergespräch am 18.03 im Haus 1 ausführte. Weiter erzählt Grimberg, dass 1931 die Pläne für das Areal noch anders aussahen: Anstatt der abgerissenen Kathedrale war die Errichtung des großen Palastes der Sowjets geplant, ein Ehrendenkmal, auf dessen Spitze die Statue Lenins thronen sollte. Ein gigantisches Bauvorhaben, dessen Ziel es war, mit seiner Größe und Pracht den Eiffelturm und das Empire State Building in den Schatten zu stellen. Nach seiner Fertigstellung wäre es mit einer Gesamthöhe von 415 Metern das höchste Gebäude der Welt geworden. Doch kam das Bauvorhaben nicht über seine Fundamentlegung hinaus. Stalin haderte mit der Ehrung seines Vorgängers und hätte lieber sich selbst auf der Spitze des Palastes verewigt. Das Projekt verzögerte sich und die Bauarbeiten lagen während des Zweiten Weltkrieges still. Nach dem Krieg wurde das Projekt weiter geplant, aber die Bauarbeiten wurden nicht wieder aufgenommen. Das Bauvorhaben kann als Teil des kommunistischen Projektes eines «Neuen Moskaus» gesehen werden, das die Ersetzung der zaristischen Bausubstanz zum Ziel hatte. Ebenfalls steht die Wahl des Ortes in Verbindung mit einer politischen Strategie, welche die Überschreibung vorheriger Formen von Herrschaftsarchitektur vorsah; in der Periode des «Kämpferischen Atheismus» der 1930er Jahre mussten viele religiöse Bauten, sowjetischen Bauvorhaben weichen.

Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, der Nachfolger Stalins, stellte schließlich den Bau des Palastes endgültig ein. Zurück blieb ein kreisförmiges Fundament mit einem Durchmesser von 130 Metern. An Ort und Stelle ließ Chruschtschow ab 1985 ein riesiges Freibad bauen. Ein modernes und visionäres Projekt. Technik und Design seiner Zeit voraus war das Bad laut Grimberg «State of the Art». Allerdings wurde das Schwimmbad auch als Symbol der Profanisierung gesehen: als frevelhaft, als Entweihung eines heiligen Ortes. Die Errichtung des Schwimmbades sorgte für Unwillen bei den Gläubigern, das sie mit dem Sprichwort: «War eine Kirche, dann Müll, ist jetzt Schande» ausdrückten.

Gleichzeitig war das Schwimmbad ein Symbol der Naturbeherrschung: es hatte auch in den kalten Jahreszeiten geöffnet und ermöglichte somit den Moskauer*innen sogar bei minus 40 grad ins Freibad zu gehen. Es war massentauglich, mehrere Generationen von Moskauer Schüler*innen lernten hier schwimmen. Ebenfalls entwickelte sich das Schwimmbad, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, zu einem beliebten Cruising Ort der lokalen Schwulenszene. Im Schutz des dampfenden Wassers konnten sich homosexuelle Paare besonders in den kalten Monaten ungestört vergnügen. Grimberg zieht hier auch eine Verbindung zu dem Ausstellungsort: Das Haus 1, ehemals eine öffentliche Toilette, daraufhin Party Keller und nun eine Galerie, war laut Grimberg vormals eine sogenannte Klappe, ein Ort für schnellen Sex unter Männern.

Das Bassin Moskwa bricht mit der Ästhetik des Stalinismus, der sich von der Architektur der Modernen abwandte, da diese als zu liberal und westlich galt. Im Gegensatz hierzu wird das Bassin Moskwa dominiert durch die Form des Kreises, ein Symbol der Moderne, der Einheit und Vollkommenheit. Die Form des Kreises ist in der gesamten Ausstellung wiederzufinden: Im zweiten Teil der Ausstellung, die aus einer Reihe von Fotografien besteht, taucht die Kreisform in unterschiedlichen Kontexten immer wieder auf und stellt somit eine Verbindung zum Pool her. Teils als in sich abgeschlossene universale, unendliche Linie, teils als Andeutung oder unvollendete Form.

Nach dem Ende der Sowjetunion forderte die wiedererstarkte orthodoxe Kirche die Schließung des Schwimmbads und die Wiedererrichtung der Christ-Erlöser-Kathedrale. 1994 wurde das Bassin Moskwa zugeschüttet und die Kirche wieder aufgebaut – in der später die Band Pussy Riot ihren berühmten Auftritt haben sollte.

Im dritten Teil der Ausstellung, der Wandprojektion «Transition» präsentiert Eiko Grimberg unterschiedliche, architektonische Eindrücke der jüngsten Stadtgeschichte Moskaus. Alle Bilder sind Aufnahmen von Gebäuden, die sich im nahen Umfeld des Areals, des Bassins Moskwa befinden und die architektonische Diversität und Wandelbarkeit der Stadt wiederspiegeln. 

Das Bassin Moskwa steht somit sinnbildlich für einen urbanen Raum, auf dem unterschiedliche machtpolitische Begehrlichkeiten und ihre jeweiligen architektonischen Repräsentationen aufeinandertreffen und es somit immer wieder zu Neueinschreibungen und Aneignungen von urbanem Terrain kommt. Nicht nur in «The Pool» beschäftigt sich Eiko Grimberg mit der architektonischen Inszenierung von Macht und Herrschaft sowie mit der Neubesetzung von Orten, mit wechselnden, sich teils widersprechenden Inhalten. «The Pool» ist Teil einer Reihe von Projekten, in denen sich Eiko Grimberg mit dem Verhältnis von Politik und Ästhetik im Feld der Architektur auseinandersetzt. Seine Arbeit «Future History» untersucht die Verstrickung der italienischen Baumoderne mit dem Faschismus, seit 2011 fotografiert er an dem Langzeitprojekt «Rückschaufehler» zum Wiederaufbau des Berliner Schlosses/Humboldtforum.

Text: Liza Pflaum

 
Lesen Sie auch:

taz, 13.3.2018: Die Krümmung der Geschichte
Eiko Grimbergs Ausstellung «The Pool» geht dem Schicksal der Moderne in der Sowjetunion und dem heutigen Russland nach.

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news-38740 Wed, 04 Apr 2018 13:54:00 +0200 Der zweite Band des «Kapital» – wenig für die Agitation? http://bayern.rosalux.de/dokumentation/id/38740/ David Harvey: Marx’ 2. Band des «Kapital» lesen. Ein Begleiter zum Verständnis der Kreisläufe des Kapitals. Buchvorstellung und Diskussion mit dem Übersetzer Christian Frings Als Friedrich Engels nach dem Tod von Karl Marx in einer bewundernswerten Fleißarbeit aus dessen Manuskripten den 2. Band des «Kapital» zusammengestellt hatte, schrieb er an einen Freund: «Der 2. Band wird große Enttäuschung erregen, weil er so rein wissenschaftlich ist und nicht viel Agitatorisches enthält.»

Der kritische Geograf David Harvey sieht es anscheinend nicht so und legt eine umfassende Interpretation und politische Illustration des 2. Bandes vor. Er versteht es, auf lebendige Art die im 2. Band durchaus enthalten Fragen der Raum-Zeitlichkeit des Kapitals und damit seiner konkreten Anfälligkeit für Krisen wie für Klassenkämpfe, freizulegen und ihre politische Bedeutung zu diskutieren. Das Thema Transport und Logistik ist heute in aller Munde, weil spürbar ist, dass gerade in diesen Bereichen neue Klassenkämpfe mit großer Sprengkraft entstehen. Eine politisierte Interpretation des 2. Bandes, wie sie Harvey vorlegt, kann genauer erklären, was die besondere Gefährlichkeit dieser Kämpfe ausmacht. Dabei geht es ihm aber auch um das methodische Problem, dass und wie wir erst mit der Einheit der drei Bände des «Kapital» zu einem angemessenen Begriff von Kapitalismus kommen – den wir wohl bräuchten, wenn wir an seiner Abschaffung arbeiten wollen.

http://www.vsa-verlag.de/nc/buecher/detail/artikel/marx-2-band-des-kapital-lesen/

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news-38723 Mon, 26 Mar 2018 15:56:00 +0200 Russland – Deutschland aktuell: Warum immer Putin? http://bayern.rosalux.de/dokumentation/id/38723/ Verständigung und Miteinander statt Entfremdung und Konfrontation. Ein Gespräch mit Daniela Dahn, Kerstin Kaiser und Matthias Platzeck. Am Anfang stand ein Umzug. Aus dem Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung wechselten Diskutanten und Publikum in den großen Münzenberg-Saal am Franz-Mehring-Platz in Berlin. Und selbst dieser war zu Beginn der Debatte bis auf den letzten Platz besetzt.

Eigentlicher Anlass für die Veranstaltung war die Wahl des neuen Präsidenten Russlands am 18. März 2018. Wladimir Putin wird das Land - wenig überraschend - für weitere sechs Jahre regieren. Zuletzt verschlechterten sich allerdings die politischen Beziehungen Westeuropas zu Russland rapide, vor allem wegen der eskalierenden Folgen des Giftanschlags auf den Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter. Die Furcht vor einer erneuten «Eiszeit» war im Münzenberg-Saal mit der Hand zu greifen.

Dies muss im Interesse des Friedenserhalts unter allen Umständen verhindert werden, darin waren sich auf dem Podium die Publizistin Daniela Dahn, die Leiterin des Auslandbüros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Moskau, Kerstin Kaiser sowie der Vorsitzende des Deutsch-Russischen Forums, Matthias Platzeck, einig.

Moderiert von Kathrin Gerlof von der Zeitschrift OXI ging es an dem Abend nicht nur um das Bild eines vermeintlich «allmächtigen und allgegenwärtigen Putin», sondern - mehr noch - um ganz grundsätzliche Fragen des Verhältnisses von Deutschland und Europa zum großen Nachbarland im Osten.

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news-38653 Thu, 22 Mar 2018 16:45:00 +0100 Kapitalismus und Opposition: Die Verhältnisse verstehen und überwinden http://bayern.rosalux.de/dokumentation/id/38653/ Herbert Marcuses Pariser Vorlesungen als kritische Bildungsmaterialien Die beiden Herausgeber_innen der 1974 von Marcuse an der Reformuniversität Vincennes/Paris gehaltenen Vorlesung zum «Eindimensionalen Menschen», Lisa Doppler und Peter-Erwin Jansen, haben zunächst eine einstündige Einführung in das Leben und Wirken Herbert Marcuses und seiner kritischen Theorie des eindimensionalen Menschen gegeben. Anschließend wurden Fragen der bildungstheoretischen und -praktischen Relevanz diskutiert – zunächst auf dem Podium und schließlich auch mit dem Publikum.

Lisa Doppler und Peter-Erwin Jansen haben die Vorlesung als Bildungsmaterialien, das heißt als guten Einstieg in die kritische Theorie Marcuses empfohlen.

Jansen, der Herausgeber der nachgelassenen Schriften von Herbert Marcuse und Leo Löwenthal im Zuklampen-Verlag, hatte 2012 die Manuskripte der Vorlesung im Marcuse-Archiv an der Universität Frankfurt entdeckt. – Wenn man darin liest, kann man einen Eindruck davon bekommen, wie Marcuses intellektuelle Arbeit an den Begriffen der Kritischen Theorie weiterging zu einem Zeitpunkt, als der sich flexibilisierende, neoliberale Kapitalismus ante portas stand. Auf die große und womöglich wichtigste Frage, warum die Menschen dagegen nicht massenhaft - und wenn doch, nicht erfolgreich - aufbegehren, lässt sich mit dem von Marcuse entfalteten Theorem der Eindimensionalität, die Vielfalt nur auf einer Ebene zulässt  und darüber Freiheit nur suggeriert, immer noch am besten erschließen. Da ist es schon etwas merkwürdig, wie wenig darauf noch rekurriert wird. Für Jansen und Doppler aber ist klar, dass - auch wenn manches in die Jahre gekommen ist und einer Erneuerung bedarf - Marcuses suchende Gedankenbewegungen und begriffliche Arbeit produktive und inspirierende «Analysetools» für die Gegenwart bieten.

Für den Einstieg in Marcuses kritische Theorie bietet sich übrigens neben den Vorlesungen zum «Eindimensionalen Menschen» auch dieser kompakte und instruktive Aufsatz von Sven Oliveira Cavalcanti an, den er anlässlich Marcuses 25. Todestages 2004 in der sopos veröffentlichte:

https://www.sopos.org/aufsaetze/410a9d4c2c4db/1.phtml.html

 

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