Dokumentation 100 Jahre Revolution - 100 Jahre Demokratie in Bayern

Eine Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Friedrich-Ebert-Stiftung

Information

Zeit

16.04.2018

Veranstalter

Julia Killet,

Themenbereiche

Geschichte, Parteien- / Bewegungsgeschichte, Deutsche / Europäische Geschichte, Revolutionen100

Demonstration auf der Theresienwiese in München am 7. November 1918

Zum Auftakt der Revolutionsjahrestage 2018/19 luden die Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) und die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) im April 2018 zur ersten gemeinsamen Veranstaltung in Bayern ein. Über 100 Teilnehmer*innen waren gekommen, um die Beiträge der vier Revolutionsexpert*innen zum Thema «100 Jahre Revolution - 100 Jahre Demokratie in Bayern» zu hören.

Eröffnet wurde die Podiumsdiskussion durch Grußworte der geschäftsführenden Vorstandsmitglieder der politischen Stiftung, Florian Weis (RLS) und Roland Schmidt (FES). Beide betonten, dass die Erforschung der Arbeiter*innen-Bewegung, wozu auch die Spaltung der SPD gehöre, ein wichtiges Anliegen der Stiftungen sei. Zentral seien die Revolutionsjubiläen allein schon wegen ihrer Namenspatrone Rosa Luxemburg und Friedrich Ebert. Um die historischen Zerwürfnisse ein weit zu überwinden, diskutierten beide Stiftungen seit geraumer Zeit unter dem Motto «Gemeinsam im Dissens». Gerade in Zeiten, in denen eine Partei im deutschen Bundestag vertreten sei, mit der die Kriegsschuldlüge wieder auflebe, sei eine Annäherung bedeutsamer denn je.

100 Jahre Revolution - 100 Jahre Demokratie in Bayern

In einem Streiflicht fasste Jürgen Zarusky vom Institut für Zeitgeschichte und Chefredakteur der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte einige wichtige Ereignisse der Revolution und Räterepublik in Bayern zusammen. Er erwähnte Kurt Eisner als eine außergewöhnliche Führungsfigur in der Revolution: «Er war von der deutschen Kriegsschuld überzeugt und davon, dass die Verantwortlichen dafür von der Macht entfernt werden mussten.» Er habe die Vorstellung von einer sozialistischen Demokratie gehabt, bei der neben dem Parlament auch den Räten eine zentrale Rolle zukommen sollte. Weiter streifte Jürgen Zarusky die vier Monate andauernde Räterepublik und wies auf die Besonderheit hin, dass diese Zeit durch die Unterstützung von Intellektuellen und Kulturschaffenden geprägt war. Die militärische Niederschlagung der Räterepublik bezeichnete er «als Massaker infolge des tagelangen Rachefeldzuges der eingesetzten Reichswehreinheiten und Freicorps.» Von diesem Zeitpunkt führe eine Linie zur Ordnungszelle Bayern, die dem Aufstieg des Nationalsozialismus in Bayern günstige Bedingungen geschaffen habe.

Sebastian Zehetmair, Geschichtsdoktorand an Universität Augsburg, fragte in seinem Beitrag, was es Neues zum Thema gebe. Bemerkenswert sei, dass sich die bayerische Staatsregierung nun offiziell zu den Revolutionsereignissen äußere. Sie reagierte auf den Antrag der Bayern-SPD, den 8. November zu einem Feiertag der Demokratie zu erheben mit der überraschenden Antwort: «Die Staatsregierung sieht in den historischen Ereignissen vom 7./8. November 1918 eine der tiefsten und positivsten Zäsuren der bayerischen Geschichte im Verlauf der letzten zwei Jahrhunderte.» Die CSU-Fraktion im Landtag habe den Antrag trotzdem abgelehnt. Vor allem habe die Staatsregierung in ihrer Ablehnung auf die Nähe zum 9. November (Hitlerputsch und Reichspogromnacht) und die «Gefahr der Vermischung» hingewiesen. Sebastian Zehetmair betonte demgegenüber den untrennbaren «historischen Zusammenhang» beider Daten. Die bayrischen Verfassung, die bei der CSU im Zentrum ihrer Jubiläumsaktivitäten stehe, enthalte zwar einginge verfassungsrechtliche Errungenschaften der Revolution - wie das Frauenwahlrecht - gleichzeitig seien aber eine ganze Reihe von bereits geltenden demokratischen Grundrechten mit dieser Verfassung zurück genommen worden. Damit sei die so genannte Ordnungszelle Bayern legitimiert worden, die Sebastian Zehetmair als ein «politisches System der institutionalisierten Gegenrevolution» bezeichnete. Der Artikel 64 der Bayerischen Verfassung von 1919 habe die Möglichkeit geschaffen, in Bayern einen permanenten Ausnahmezustand zu etablieren, und sämtliche Grundrechte außer Kraft zu setzen, um die «Ordnung» im Inneren zu sichern. Dieser Artikel sei mehr als fünf Jahre fast durchgängig in Kraft (Aufgehoben im Dezember 1925) gewesen, was zur Folge hatte, dass es in Bayern keine Presse-, Versammlungsfreiheit und Postgeheimnis, zeitweise sogar kein Streikrecht gab und Gegner des politischen Regimes ausgewiesen oder in Schutzhaft genommen wurden. Sebastian Zehetmair betonte weiter, dass diese politische «Sondergerichtsbarkeit» in erster Linie gegen die Arbeiterbewegung angewendet worden sei - 31.000 Menschen wurden in dieser Zeit von den Volksgerichten verurteilt. Darüber hinaus habe sich die bayrische Staatsregierung seit der Zerschlagung der Räterepublik nicht nur auf die Reichswehr und die Polizei gestützt, sondern zur Unterdrückung der politischen Linken auch auf zahlreiche private Wehrorganisationen und so ein Nebeneinander zwischen staatlicher Repression und extralegaler Gewalt gegen die Arbeiterbewegung gerichtet. Das seien die entscheidenden Bedingungen gewesen, in denen die NSDAP in München erwachsen konnte. Und das seien letztlich auch die Fragen, an die erinnern werden sollte, wenn heute über 100 Jahre Revolution, Demokratie und Verfassung diskutiert würde.

Die Historikerin Barbara Vogel von der Universität Hamburg lenkte ihren Blick auf die Wahrnehmung der revolutionären Novemberereignisse über Bayern hinaus. Sie stellte die Frage nach dem schlechten Image der Novemberrevolution. Die Gründe für die Geringschätzung der Revolution sehe sie in zwei sich miteinander verschränkenden Ebenen: Zum einen in Entstehung und Abläufen der Revolution. Zum anderen in der geschichtspolitischen Funktionalisierung der Novemberrevolution im kollektiven Gedächtnis, die auch in der Geschichtsschreibung ihren Niederschlag gefunden habe. Barbara Vogel führte weiter aus, dass die Novemberrevolution zwischen den verheerenden Weltkriegen nur geringe Aufmerksamkeit fand. Es sei die Kriegsmüdigkeit der Menschen gewesen, die sie in die Revolution trieben. Der Weimarer Republik, als Ergebnis der Revolution seien nur wenig ruhige Jahre beschert gewesen. Die NS-Diktatur habe versprochen das Weimarer System zu überwinden und die Ergebnisse des ersten Weltkrieges zu revidieren. Zwei Stigmatisierungen dieser Zeit hätten die Kultur der Weimarer Republik diffamiert und zeigten bis in die heutige Zeit Wirkung: Die «Schande der Kriegsniederlage» und die «Demütigung durch den Versailler Friedensvertrag» (Kriegsschuldlüge). Ein neues Interesse an der Rätebewegung habe sich in den 1960er und 1970er Jahren etabliert. Wie sich die Räte in die parlamentarische Verfassung hätten eingliedern lassen, sei allerdings bis heute offen. Diesen Wahrnehmungen stellte Barbara Vogel die Errungenschaften der Revolution für die Demokratiegeschichte gegenüber: Demokratie in der Form einer repräsentativen parlamentarischen Republik, allgemeines Wahlrecht ohne Unterschied des Geschlechts und verfassungsmäßige Begründung des Sozialstaats. Somit stehe das Grundgesetz von 1949 in der Tradition der Weimarer Reichsverfassung.     

Die Forscherin und Publizistin Christiane Sternsdorf-Hauck gab einen Einblick in ihre Recherchearbeit zu der Rolle von Frauen in der bayrischen Revolution und Räterepublik.[1] Dazu veranlasst habe sie ein Bild von der Ausrufung der Revolution auf der Münchner Theresienwiese, auf dem auch zahlreiche Frauen zu sehen waren. Das Ergebnis ihrer Forschungen sei jedoch «niederschmetternd» gewesen: In der umfangreichen Forschungsliteratur über die bayrische Rätebewegung kämen Frauen bis heute gar nicht oder nur am Rande vor. Fündig wurde sie in den Archiven, «in den Dokumenten der männlichen Staatsmacht, in den Polizei-, Geheimdienst und Gerichtsakten.» Nach der Revolution habe auch bei den Frauen eine regelrechte Aufbruchsstimmung geherrscht, denn die ersten Gesetze und Dekrete der Regierung Eisner erfüllten die Forderungen, für die Frauen seit Jahrzehnten gekämpft hatten. Dazu gehörte das Frauenwahlrecht, die Ersetzung der geistlichen durch die staatliche Schulaufsicht und die Aufhebung des Gesinderechts, wodurch Dienstmädchen Anspruch auf Urlaub und den Achtstundentag bekamen. Daneben listete Christiane Sternsdorf-Hauck die nicht erfüllten Forderungen der Frauen auf: Darunter z.B. die Forderungen «Quoten in Parlamenten und bei staatlichen Stellen» oder «Frauen im Richterstand». Zwar durften Frauen zu dieser Zeit Jura studieren, in ihrem Beruf zu arbeiten war allerdings nur privat möglich. Weiter verlangten die Frauen die Aufhebung des Zölibats für weibliche Beamte. Das betraf vor allem Lehrerinnen, die aus dem Schuldienst entlassen wurden, wenn sie heirateten. Erst 1957 wurde in der BRD ein entsprechendes Gesetz erlassen. Noch länger dauerte es, bis Frauen und Männer in Familienrecht und Erwerbsarbeitsrecht gleichgestellt wurden. Vor 1977 musste eine Ehefrau ihren Mann fragen, ob sie arbeiten gehen darf. Die Kämpfe nach der Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit dauerten bekanntlich bis heute an. Neben dem politischen Kampf hätten sich die Frauen in den Monaten nach dem 7. November tatkräftig mitgearbeitet. Christiane Sternsdorf-Hauck ging auf die Gründung des Bundes sozialistischer Frauen ein, an dem Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann besonders beteiligt waren. Im Februar 1919 wurde das erste Gleichstellungsreferat in der Geschichte eröffnet. Die Geschichte dieses Referates währte nicht lang. Denn schon einige Monate später wurde es mit der Niederschlagung der Räterepublik wieder abgeschafft. Christiane Sternsdorf-Hauck hebt hervor, dass auch Frauen bei dem brutalen Vorgehen der Reichswehr nicht verschont blieben. Es gab zahlreiche Gerichtsverfahren wegen Beihilfe zum Hochverrat und in München seien mehr als 25 Revolutionärinnen standrechtlich erschossen worden. Am Ende ihres Vortrages ermutigte die Christiane Sternsdorf-Hauck dazu, die Geschichte der Frauen in der Revolution und Räterepublik weiter zu erforschen.  

Zum Schluss lud die Moderatorin der Podiumsdiskussion, Antonie Rietzschel, Redakteurin der Süddeutschen Zeitung die Referent*innen zu einem gemeinsamen Austausch ein. Sie stellte an alle die Frage, welche Partei denn nun Anspruch auf Kurt Eisner und sein Erbe habe. Jürgen Zarusky war sich sicher, dass Kurt Eisner ganz klar auf der Seite der demokratischen Linken zu finden sei. Dem stimmte Barbara Vogel und zu betonte Kurt Eisners eigenständiges sozialdemokratisches Verständnis. Er habe es nicht für wichtig erachtet, dem revisionistischen oder orthodoxen Flügel der Sozialdemokratie anzugehören. Seine Mitgliedschaft in der USPD sei in erster Linie seiner Opposition zur Burgfriedenpolitik und Kriegspolitik der SPD geschuldet gewesen. Christiane Sternsdorf-Hauck sagte, dass beide Parteien Kurt Eisner haben könnten, solang sie ihn nicht verfälschen und für ihre Zwecke missbrauchen würden. Sebastian Zehetmair stellt am Ende fest, dass es einseitig sei, Kurt Eisner nur als Gegner der Bolschewiki darzustellen. Kurt Eisner habe in einer gefährlichen historischen Situation persönlich die Initiative ergriffen um einen Krieg zu beenden. Das habe enormen Mut erfordert und solle im Gedächtnis bleiben. 



[1] Sternsdorf-Hauck, Christiane (2008): Brotmarken und rote Fahnen. Frauen in der bayrischen Revolution und Räterepublik 1918/19. Neuer ISP Verlag, Köln. https://www.neuerispverlag.de/verweis.php?nr=101