7. April 2018 Exkursion Euthanasie und bayerischer Hungererlass

Besichtigung der Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus in der Klinik Mainkofen

Information

Veranstaltungsort

Bezirksklinikum Mainkofen
Mainkofen 3A
94469 Deggendorf

Zeit

07.04.2018, 12:00 - 16:00 Uhr

Themenbereiche

Geschichte

Zugeordnete Dateien

Wir sind bemüht, diese Veranstaltung barrierefrei anzubieten. Bei Bedarf nehmt bitte im Vorfeld Kontakt zu uns auf.

Viele Jahrzehnte wollte die Klinik Mainkofen nichts von den Grausamkeiten während des Nationalsozialismus in ihrem Haus gewusst haben. Nun gibt es eine Gedenkstätte. Die wollen wir gemeinsam besuchen. Anmeldung bis spätestens 31.03.2018 unter: Julia.Killet@rosalux.org oder 089-51996353.

Rolf Haubenreisser war erst neun Jahre alt, als er 1945 in der niederbayerischen „Heil- und Pflegeanstalt“ Mainkofen verhungerte. Die Nationalsozialisten ließen ihn sterben, weil er geistig behindert war und sein Leben als „lebensunwert“ galt.  Sein Schicksal ist exemplarisch für 984 Menschen, die in Mainkhofen unter dem Deckmantel des bayerischen „Hungerkosterlasses“ von 1942 bis 1945 verhungerten. Die Schätzungen der „Patienten“, die in der Anstalt der Euthanasie zum Opfer fielen und zum vergasen nach Schloss Hartheim transportiert wurden, schwanken zwischen 560 und 626. Zwangsterilisationen wurden nach Aktenlage an mindestens 122 Frauen und 365 Männern vorgenommen. Doch die grausame Geschichte der der Anstalt ist noch nicht lange bekannt.

Es musste erst eine Hamburgerin nach Bayern kommen und die Erinnerungsarbeit in Gang zu setzten. Es war Rolfs Nichte Karen Haubenreisser, die mehr über das Schicksal ihres Onkels erfahren wollte. Bei einem Besuch Anfang 2011 in Mainkofen stellt sie fest, dass die Gräber der NS-Opfer verwildert waren – auch das Grab von Rolf war nicht mehr zu finden. Kreuze fehlten, die Hälfte des Friedhofs war zur Parkanlage umgestaltet. „Zunächst blieb eine Antwort der Klinikleitung aus“, erinnert sich Haubenreisser. Erst als sie mit einer öffentlichen Gedenkfeier und der Verlegung eines Stolpersteins für Rolf in der Hansestadt die Presse aufwirbelte, wurde man auch in der niederbayerischen Gemeinde wach. Zunächst bestätigte der niederbayerische Bezirkstagspräsident offiziell die bewusste Tötung des Kindes. Doch das reichte Karen Haubenreisser nicht. Sie forderte, das Schicksal jedes einzelnen Opfers in einer Gedenkstätte sichtbar zu machen. Ihre Hartnäckigkeit sollte sich lohnen. Es stellte sich heraus, dass es in Mainkofen sehr wohl jemanden gab, der sich mit der NS-Geschichte des Hauses auskannte: Gerhard Schneider,  damals noch stellv. Krankenhausdirektor der Bezirksklink forschte schon seit über 20 Jahren an dem Thema.

Der heutige Direktor des Klinikums verriet: „Bis Mitte der 90er Jahre wurden Akten systematisch vernichtet“. Einige Akten konnte der Hobby-Historiker 1981 aus einem Altpapiercontainer im Keller des Hauses retten. Darunter waren tausende Patientenakten und ein geheimes Tagesbuch. Scheider begann zu rekonstruieren und fand Erschreckendes heraus.  Die Nationalsozialisten wollten verhindern, dass Menschen, die sie „erblich krankbelastet“ nannten, eigene Kinder bekamen. Am 1.1.1934 trat das  „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft.  „Dieses Gesetz wurde in allen bayerischen Anstalten umgesetzt, bei den Sterilisationsaktivitäten gehörte aber Mainkofen zu den Spitzenreitern.“ Einmal pro Woche wurden am Stück etwa 40 Sterilisationen durchgeführt. Der jüngste war ein 15-jähriger Junge.

Das sollte aber erst der Anfang der Grausamkeiten in Mainkofen sein. Adolf Hitler wartete den Start des Krieges ab, um dann zum Massenmord an psychisch Kranken und geistig Behinderter Menschen über zu gehen. Er ging davon aus, dass der Einfluss von Kirchen und die Kritik an der Verfolgung dieser Menschen mit Kriegsbeginn nicht mehr so stark sein könnten. Die Massenmorde wurden unter der Bezeichnung T4 durchgeführt, was für die entsprechende „Behörde“ an der Tiergartenstraße 4 in Berlin steht. Sechs Tötungsanstalten wurden für die Euthanasie im gesamten Reichsgebiet errichtet, Mainkofen war mit der Anstalt Harthof bei Linz verbunden.
Schneider, der auch bei anderen Einrichtungen geforscht hat, kann insgesamt fünf Transporte ausmachen: „ Die ersten beiden im Oktober 1941 die restlichen im Mai, Juni und Juli. 606 Patienten konnten namentlich erfasst werden. Darunter befanden sich 6 Jugendliche zwischen  14 und 18 Jahren. Die älteste Patientin, die nach Hartheim kam war 78 Jahre“.

Offenbar waren weitere Transporte geplant, doch diese konnten nach der berühmten Rede von Bischof Graf von Gahlen im August 1941 gestoppt werden.  Die Ermordungen nahmen aber immer noch kein Ende. Schnell fand das bayrische Innenministerium am 30. November 1942 einen Ausweg weiter zu töten: den bayerischen „Hungerkosterlass“. Den Patienten wurde am Tag einen dünne Gemüsesuppe verabreicht und durch das Fehlen von Brot, Kartoffeln oder Fett, verhungerten die Menschen binnen weniger Tage. Die Patienten lagen zum Teil nackt im Bett ohne Bezüge. Rund 1000 Menschen ließ man auf diese Grausame Art in Niederbayern verhungern. Darunter auch Rolf Haubenreisser. Er starb vollkommen entkräftet am 16. Mai, acht Tage nach der Befreiung.
Sein Name ist Teil der Gedenkstätte, die am 28. Oktober 2014, um 11 Uhr in Mainkofen eröffnet wurde. Alle bekannten Opfer, die Schneider rekonstruieren konnte, wurden in der Ausstellung namentlich veröffentlicht. Die öffentliche Erinnerungsarbeit in Mainkofen hatte begonnen – 70 Jahre  danach. Eigentlich viel zu spät.
(Artikel von Julia Killet erschien am 25.10.2014 unter dem Titel "Verhungert, vergiftet, vergast" im Neunen Deutschland.)

Von München aus fahren wir gemeinsam um 9 Uhr mit dem Zug nach Mainkofen. Genauere Infos erfolgen nach Anmeldung.

#PROGRAMM

  • 12 Uhr: Eintreffen Besuchergruppe in der Bauernstube, Begrüßung durch Hr. Schneider
  • Vortrag „Euthanasie“ und Zwangssterilisation in der Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen 1933 – 1945
  • Besichtigung der Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus (mit Herrn Schneider)

Der Ausflug nach Mainkofen findet im Rahmen unserer Gedenkstättenfahrt nach Mauthausen (4.-6. Mai) statt, die wir in diesem Jahr den Opfern der Euthanasie gewidmet haben. Anmeldungen und Infos:  bayern.rosalux.de/veranstaltung/es_detail/7FNML/73-jahrestag-der-befreiung-des-kz-mauthausen/

#BEGLEITPROGRAMM

Eine Veranstaltung des Kurt-Eisner-Vereins.

Standort

Kontakt

Julia Killet

Regionalbüroleiterin Bayern, Rosa-Luxemburg-Stiftung Bayern/Kurt-Eisner-Verein

Telefon: +49 (0)89 51996353