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Der zweite Band der Reihe Kunsthistorikerinnen im 20. Jahrhundert widmet sich einem bislang wenig erforschten Feld: den institutionellen Bedingungen und strukturellen Handlungsspielräumen, in denen Frauen seit dem späten 19. Jahrhundert als Kunsthistorikerinnen wirkten1. Herausgegeben von einem interdisziplinären Team2 legt er den Schwerpunkt nicht allein auf Biografien, sondern rückt die Verflechtungen individueller Karrieren und gesellschaftlich-politischer Kontexte in den Vordergrund. Damit trägt er zur Verkleinerung einer immer noch vorhandenen Forschungslücke bei.
Die Beiträge beleuchten ein breites Spektrum an Themen und Räumen: von frühen Berufungsversuchen an deutschen Universitäten über die Rolle von Frauen in Museen und Archiven bis hin zu transnationalen Netzwerken, die im Exil entstanden. Zugangsverbote, prekäre Beschäftigungen und Abhängigkeiten von männlichen Mentoren bestimmten lange Zeit die Möglichkeiten beruflicher Etablierung. Dennoch zeigen die Autorinnen und Autoren, dass einige Frauen Wege fanden, diese Strukturen zu unterlaufen: etwa durch Tätigkeiteim Journalismus, die Erschließung neuer Forschungsfelder oder durch die Gestaltung von Sammlungen und Ausstellungen.
Besonders aufschlussreich ist die Analyse der Handlungsräume jenseits der Universitäten. Der Band zeigt, dass Kunsthistorikerinnen in Redaktionen, kulturpolitischen Institutionen oder Museen Beiträge leisteten. Damit wird das Bild der „Randexistenz„ differenziert: Viele dieser Tätigkeiten hatten maßgeblichen Einfluss auf die Wahrnehmung und Vermittlung von Kunst, blieben jedoch häufig weniger sichtbar, da sie außerhalb traditioneller Karrierepfade lagen.
Hervorzuheben ist die methodische Vielfalt. Einige Beiträge arbeiten mikrohistorisch, andere betonen institutionelle Entwicklungen und politische Rahmenbedingungen. Im Zentrum stehen, wie in Band 1, die Biografien einzelner Akteurinnen. Gemeinsam ist allen Texten, dass sie kunsthistorisches Wissen und Wissensproduktion nicht als “neutral„ begreifen, sondern als Ergebnis von Machtverhältnissen, Ausschlüssen und Aushandlungsprozessen. Damit fügt sich der Band in aktuelle wissenschaftshistorische Debatten ein, die nach der sozialen Situiertheit von Forschung fragen. Frauen wurden aus der Geschichtsschreibung der Kunstgeschichte lange herausgeschrieben und damit unsichtbar gemacht.
Die Stärke des Buches – und der gesamten Reihe – liegt in der Leitfrage: Wie lässt sich die Geschichte der Kunstgeschichte anders schreiben, wenn weibliche Perspektiven nicht nur “ergänzt“, sondern systematisch berücksichtigt werden? Der Band liefert darauf keine abschließenden Antworten, eröffnet jedoch wichtige Denkräume. Überzeugend ist die Herausarbeitung von Brüchen und Kontinuitäten: thematisiert werden sowohl die Zäsuren durch Nationalsozialismus und Exil thematisiert als auch die langsamen Prozesse, die erst zu Ende der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer stärkeren Präsenz von Frauen in der akademischen Kunstgeschichte führten.
Besonders spannend sind die Beiträge zur Organisationsgeschichte von Frauen seit den 1960er Jahren, etwa zu einschlägigen Tagungen, Zeitschriftenprojekten oder in der rückblickenden Reflektion von individuellen Karrierewegen. Hier erweitern Interviews und ein Roundtable-Gespräch das Tableau.
Insgesamt liegt hier ein wichtiger, differenziert konzipierter Band vor, der nicht nur kunsthistorisch Interessierte anspricht, sondern auch Impulse für die allgemeine Wissenschafts- und Geschlechtergeschichte bieter – und dazu einlädt, vertraute Erzählungen kritisch zu überdenken.
1 K. Lee Chichester, Brigitte Sölch (Hg.): Kunsthistorikerinnen 1910–1980. Theorien, Methoden, Kritiken, Berlin 2021. Vgl. die Rezension auf rosalux.de hier.
2 K. Lee Chichester (Ruhr-Universität Bochum), Annette Dorgerloh (Humboldt-Universität zu Berlin), Brigitte Sölch (Universität Heidelberg) und Jo Ziebritzki (Ruhr-Universität Bochum) leiten seit 2020 das DFG-Netzwerk „Wege – Methoden – Kritiken: Kunsthistorikerinnen 1880–1970“ und die gleichnamige AG am Ulmer Verein, dem Zusammenschluss kritischer Kunst- und Kulturwissenschaftler*innen.
K. Lee Chichester / Annette Dorgerloh / Brigitte Sölch / Jo Ziebritzki (Hg.): Kunsthistorikerinnen im 20. Jahrhundert: Institutionen, Strukturen, Handlungsräume, Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2025, 352 Seiten, 35 Euro


