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Auf den ersten Blick wirkt der Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt wie die Bestätigung eines bekannten Musters: eine ostdeutsche Region, wirtschaftlich unter Druck, eine starke rechte Partei. Doch die Wahlanalysen zeigen ein differenzierteres Bild. Die AfD gewinnt nicht nur bei jenen, die sich bereits politisch rechts verorten. Sie ist auch unter Arbeiter*innen besonders stark, erreicht Menschen mit Abstiegsängsten und kann an ein verbreitetes Gefühl anknüpfen: dass die eigene Lebensrealität politisch zu wenig Beachtung findet.
Dabei verbindet die AfD soziale und regionale Deutungen miteinander. Wirtschaftliche Unsicherheit, steigende Kosten und die Sorge vor sozialem Abstieg werden mit einer Erzählung über Ostdeutschland verknüpft, in der sich Erfahrungen von Benachteiligung und politischer Fremdbestimmung fortsetzen. Hinzu kommen Migration und innere Sicherheit als zentrale Themen. Gerade diese Verbindung macht den Erfolg der AfD analytisch interessant: Sie übersetzt unterschiedliche Unzufriedenheiten in eine gemeinsame politische Erzählung und bietet sich zugleich als deren vermeintliche Lösung an.
Der Wahlerfolg der AfD zeigt, wie weit es der Partei gelingt, soziale Konflikte, ostdeutsche Identität und politische Enttäuschung zu einem machtpolitischen Projekt zu verbinden.
Der Wahlerfolg ist deshalb mehr als ein weiterer Beleg für die Stärke der AfD. Er zeigt, wie weit es der Partei inzwischen gelingt, soziale Konflikte, ostdeutsche Identität und politische Enttäuschung zu einem machtpolitischen Projekt zu verbinden. Mit rund 44 Prozent erreicht sie schließlich ihr bislang stärkstes Ergebnis bei einer Landtagswahl. Gegenüber 2021 hat sie ihren Stimmenanteil mehr als verdoppelt.
Wie konnte es dazu kommen? Drei Entwicklungen sind besonders wichtig: die Verankerung der AfD außerhalb der größeren Städte, die Inszenierung eines selbstbewussten Anspruchs auf politische Macht mit ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund – und die strategische Einordnung Sachsen-Anhalts als ersten Schritt auf dem Weg zu weiteren Ländern und schließlich zur Bundesregierung.
Für die AfD ist klar – sie hat den Regierungsauftrag. So radikal wie sie in den letzten Wahlkampfmonaten die Siegererzählung formuliert, so zahm scheint sie nun auf der Suche nach Partner*innen zu sein, will allen anderen Parteien, „die das Land nach Vorne bringen wollen“ die Hand reichen und die Brandmauer endlich begraben. Hier wird es in den kommenden Tagen auf das Agieren des Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW) ankommen oder, wie spekuliert wird, auf einzelne Personen in der CDU, die der AfD zur absoluten Mehrheit verhelfen könnten. Selbst eine Minderheitsregierung schließt die AfD nicht mehr aus – sie wird also mit großer Wahrscheinlichkeit den nächsten Ministerpräsidenten im Land Sachsen-Anhalt stellen.
Die AfD gewinnt vor allem außerhalb der Städte
Die Wahlergebnisse zeigen ein deutliches Stadt-Land-Gefälle. Während in Halle und Magdeburg sowohl die Linke als auch die Grünen Punkte machen können, ist die AfD im Rest des Landes stärkste Kraft – auf Landkreis- und Gemeindeebene.
Der Wahlkampf von Spitzenkandidat Ulrich Siegmund setzte deshalb nicht nur auf klassische Großveranstaltungen, sondern auf Familienfeste, Gespräche, Grillen, Bürgerdialoge und Ausfahrten mit dem legendären DDR-Moped der Marke Simson. Diese Formen politischer Kommunikation erzeugen den Eindruck unmittelbarer Zugehörigkeit: Die AfD erscheint weniger als Partei des politischen Apparats, sondern als Teil des lokalen Alltags.
Das ist strategisch bedeutsam. Die AfD verbindet dabei reale wirtschaftliche und soziale Probleme mit einem politischen Deutungsangebot. Fragen nach Löhnen, Energiepreisen, Infrastruktur oder der Zukunft ländlicher Räume werden mit Migration, staatlicher Überforderung und einem Gegensatz zwischen „denen oben“ und „den Menschen hier“ verknüpft. Der AfD werden inzwischen hohe Kompetenzwerte im Bereich „Ostdeutsche Interessen“ sowie Wirtschaft, Asyl-und Flüchtlingspolitik sowie „Kriminalitätsbekämpfung“ zugeschrieben. Die Partei betreibt erfolgreich Agenda-Setting. Durch ihre starke Social Media-Präsenz, aber auch eigene Printmedien vor Ort setzt sie Begriffe, Themen und eigene Diskurse. Die anderen Parteien waren im Wahlkampf oft gezwungen auf diese Themen zu reagieren, um ebenfalls Aufmerksamkeit zu bekommen. Hier ist wird deutlich, dass die AfD Agenda-Setzerin in Politik und Gesellschaft geworden ist.
Die AfD gewinnt mit einer Erzählung politischer Selbstwirksamkeit
Auffällig ist der Ton des Wahlkampfs. Siegmund präsentierte die AfD nicht primär als Protestpartei, sondern als kommende Regierungspartei. Das freundliche Auftreten, die vielen Selfies und die persönliche Ansprache erzeugten eine Atmosphäre von Aufbruch und Selbstvertrauen.
Diese Inszenierung erfüllt eine politische Funktion. Sie normalisiert den Gedanken, dass eine AfD-geführte Landesregierung nicht nur möglich, sondern bereits erwartbar sei. Siegmund stellte zudem wiederholt einen vermeintlich wachsenden Rückhalt innerhalb des Staatsapparats dar. Er behauptete, Beamte und Beschäftigte des öffentlichen Dienstes würden ihm „hinter vorgehaltener Hand“ sagen, dass sie sich auf eine AfD-Regierung freuten, und die Partei mit Informationen versorgten. Diese Aussagen sind nicht belegt. Politisch relevant sind sie dennoch: Sie vermitteln den Eindruck, die AfD verfüge bereits über Zugänge und Unterstützung innerhalb staatlicher Institutionen.
Dazu passt, dass die Partei schon vor der Wahl über die personelle Neuordnung des Landes diskutierte. Siegmund sprach von 150 bis 200 Stellen in Verwaltung und landeseigenen Unternehmen, die im Fall einer Regierungsübernahme neu besetzt werden könnten. Die AfD präsentierte sich damit nicht nur als politische Alternative, sondern als Partei, die bereitsteht, staatliche Macht tatsächlich auszuüben.
Gleichzeitig darf die freundliche Oberfläche nicht mit einer Mäßigung des Programms verwechselt werden. Das als „Regierungsprogramm“ bezeichnete Konzept der Landespartei umfasst in sehr aggressivem Grundton, der dem Chefideologen in Sachsen-Anhalt Hanns-Thomas Tillschneider zugeschrieben wird, unter anderem weitgehende migrationspolitische Forderungen und das Konzept der „Remigration“. Auch Siegmunds deutliche Verbindungen ins neonazistische Milieu und seine Teilnahme am berüchtigten Potsdamer Treffen verblassen hinter dem Auftreten als künftiger, zugewandter, stets lächelnder Landesvater. Eine kommunikative Moderation des strahlenden Ministerpräsidenten in spe und die programmatische Radikalität bestehen nebeneinander – und sind grundgefährlich.
Sachsen-Anhalt ist für die AfD nur der erste Schritt
Die AfD selbst macht aus der Wahl eine nationale Angelegenheit. Bereits im Frühjahr erklärte Siegmund, von Sachsen-Anhalt solle eine politische Wende für Deutschland ausgehen. Kurz vor der Wahl bezeichnete er den Sieg bei der Landtagswahl ausdrücklich als „ersten Schritt“. Auch die Bundesvorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla stellten die Wahl als entscheidend für die Zukunft Deutschlands dar.
Sachsen-Anhalt wird zum politischen Experimentierfeld: Die AfD kann hier zeigen, dass sie nicht nur oppositionelle Protestkraft, sondern Regierungsalternative sein will.
Damit wird Sachsen-Anhalt zum politischen Experimentierfeld: Die AfD kann hier zeigen, dass sie nicht nur oppositionelle Protestkraft, sondern Regierungsalternative sein will. Ihr langfristiges Ziel reicht jedoch über das Land hinaus. Weitere ostdeutsche Länder, die Bundesregierung und schließlich die politische Ordnung insgesamt stehen im Horizont dieser Strategie.
Dazu gehört auch die Nutzung parlamentarischer Macht. Thüringen zeigt, wie die AfD als starke Oppositionspartei fragile Regierungsbündnisse unter Druck setzen kann: Der wiederholte Misstrauensantrag gegen Ministerpräsident Mario Voigt scheiterte zwar, zwang die CDU-BSW-SPD-Koalition aber zur Positionierung und machte ihre Abhängigkeiten sichtbar. Auch in Sachsen-Anhalt wird die schwierige Regierungsbildung neue Debatten über politische Mehrheiten und Koalitionsmodelle auslösen – auch im Bund. Schon heute, keine 24 Stunden nach der Wahl, sind die Kernbotschaften der AfD Richtung CDU ganz klar – die „Brandmauer muss Geschichte sein“ und, „wenn die CDU überleben will, muss sie aufhören linke Politik zu machen“ (Chrupalla im DLF Interview, 7.9.2026)
Skandale um Verbindungen in extrem rechte Organisationen oder Beschäftigungen von ehemaligen völkischen Kadern der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) - haben der AfD nichts anhaben können. Ebenso wenig die „Vetternwirtschafts-Affäre“. Eine Razzia gegen die verbotene völkisch-esoterische „Artgemeinschaft - Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung e. V.“, einer Hardcore-Nazi-Sekte, wenige Tage vor der Wahl führte zu Ermittlungen, in deren Mittelpunkt auch zwei AfD-Politiker stehen. Ihnen wird eine mögliche Beteiligung an einer Veranstaltung im Umfeld der verbotenen Organisation vorgeworfen; beide bestreiten die Vorwürfe. Auch Kameraden der früheren und heute verbotenen HDJ sind Mitarbeiter der AfD Fraktion oder Partei in Sachsen-Anhalt. Im Interview bezeichnet Chrupalla die damaligen Aktivitäten als Jugendsünden und verharmlost die völkische und rassistische Organisation und ihre Mitglieder. Die Umfragen von infratest dimap enthalten einen kleinen Hinweis darauf, warum diese „Skandale“ und Verbindungen an der AfD abperlen: 87% der AfD-Wähler*innen stimmen der Aussage zu: „Es gibt zwar einzelne rechtsextreme Politiker, aber insgesamt steht sie (die AfD, Anm. d. R.) eher in der Mitte.“ Diese Erzählung sogenannter Einzelfälle verfängt demnach und gleichzeitig gibt es auch einen Anteil der Wähler*innen, die ein extrem rechtes Profil mindestens in Kauf nehmen.
Sachsen-Anhalt ist für die AfD deshalb nicht das Ziel, sondern der Ausgangspunkt. Der Wahlerfolg zeigt, wie aus Protest politische Machtperspektive werden kann. Die nächste Auseinandersetzung wird daher nicht allein um die Regierung dieses Landes geführt – sondern um die Frage, ob die AfD ihren Erfolg auf weitere Länder und schließlich auf den Bund übertragen kann.
Was nun?
Nach dem Wahlabend und dem fulminanten Sieg einer extrem rechten Partei in Sachsen-Anhalt fällt es schwer Hoffnung zu geben oder Mut machende Worte zu finden. Aber einige Dinge können schon jetzt für die Menschen vor Ort einen entscheidenden Unterschied machen:
- Weiter hinschauen, was in Sachsen-Anhalt passiert, welche Akteure zusammenarbeiten, wohin sich Politik verschiebt, was Treiber der Faschisierung sind.
- Mit diesem Blick und der Analyse diejenigen unterstützen, die vor Ort leben, arbeiten, sich engagieren. Den Projekten, AJZ und kleinsten zivilgesellschaftlichen Akteuren den Rücken stärken – politisch wie finanziell.
- Langfristige Organisierung und Strategien aufbauen, die es ermöglichen vor Ort Räume der Solidarität zu stärken, neu aufzubauen.
- Nach Mecklenburg-Vorpommern und Berlin schauen (in beiden Ländern wird am 20.9. gewählt).

